Mittwoch, 29.04.2026

Zukunft des Untertagbaus

Der unterirdische Infrastrukturbau in der Schweiz war lange geprägt von Tunnels sowie einzelnen Wasserbauanlagen und genoss international ein grosses Ansehen. Das Bild beginnt sich aktuell aber zu ändern.

Der Untergrund wird zunehmend als eigenständiger Raum verstanden, als Nutzfläche. Das eröffnet neue Möglichkeiten, gerade im urbanen Kontext. Gleichzeitig gewinnt der Untergrund im Zusammenhang mit dem Klimawandel an Bedeutung, etwa bei der Speicherung und Regulierung von Wasser. Die technischen Möglichkeiten gibt es. Was fehlt, sind die entsprechenden Rahmenbedingungen. Das öffentliche Beschaffungswesen ist dafür ein gutes Beispiel. Mit der Revision des Beschaffungsrechts wurde ein klarer Schritt in Richtung Qualität gemacht. In der Praxis bleibt jedoch oft der Preis ausschlaggebend. Das führt bei allen Beteiligten zu einem höheren Konfliktpotenzial. Hinzu kommt ein strukturelles Ungleichgewicht. Die öffentliche Hand ist der mit Abstand wichtigste Auftraggeber im Infrastrukturbau. Entsprechend gross ist ihre Marktmacht.

Die Vertragsmodelle sind in den letzten Jahren spürbar strenger geworden. Risiken werden zunehmend auf die Unternehmerseite verschoben, während gleichzeitig wenig Raum für flexible oder partnerschaftliche Lösungen bleibt. Instrumente wie Dispute Boards oder Schiedsverfahren, die in anderen Ländern längst etabliert sind, spielen kaum eine Rolle. Stattdessen landet man bei Meinungsverschiedenheiten schnell vor Gericht. Das Verhalten grosser öffentlicher Bauherren wird von uns Unternehmern als zunehmend schwierig wahrgenommen, was Unsicherheiten schafft und für Frust sorgt. Wenn deshalb wichtige Projekte nicht realisiert werden können, schadet das der Wirtschaft und der Gesellschaft. Das muss nicht sein. Modelle wie die Projektallianz nach SIA 2065 zeigen, dass es auch anders gehen kann – mit geteilter Verantwortung, gemeinsamen Zielen und weniger Fokus auf Absicherung. In der Praxis bleiben solche Ansätze jedoch noch die Ausnahme.

Wenn die neuen Nutzungsmöglichkeiten des Untergrunds tatsächlich ausgeschöpft werden sollen, braucht es also mehr als bloss die technische Kompetenz. Es braucht ein System, das auf Zusammenarbeit ausgerichtet ist, das die Risiken fair verteilt und das den Beteiligten genügend Planungssicherheit garantiert. Ohne geht es nicht. Genau daran wird sich entscheiden, wie sich der unterirdische Bau in der Schweiz in den kommenden Jahren entwickelt.

Ivan Vincenzi
Vorstandsmitglied Infra Suisse
Präsident Fachkonferenz Untertagbau