Dienstag, 14.04.2026

Vereinbarkeit ist eine Frage der Haltung

Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist in der Bau- und Infrastrukturbranche
kein Randthema mehr, sondern eine zentrale Herausforderung. Das zeigte die
Veranstaltung «Wir bauen auf dich!» vom 26. März 2026, die von Ueli Schmezer
moderiert wurde. Die Referate machten deutlich, dass es längst nicht mehr nur um
Teilzeitmodelle geht. Im Zentrum stehen Flexibilität im Arbeitsalltag, ein
verändertes Führungsverständnis sowie die Frage, wie Unternehmen
unterschiedliche Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden erkennen und darauf reagieren
können.

Vereinbarkeit als Führungsaufgabe
Adrian Dinkelmann, Geschäftsführer Infra Suisse, ordnete Vereinbarkeit als zentrale
Führungsaufgabe ein. Unternehmen müssten Rahmenbedingungen schaffen, die
unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigen. Mit Blick auf zwei vom Bund
geförderten Projekten zeigte er konkrete Handlungsfelder auf, wie Unternehmen
Vereinbarkeit systematisch angehen können. Dabei gehe es nicht um einzelne
Massnahmen, sondern um die grundlegende Kultur und Verankerung im Unternehmen.
Jan Malmström, CEO JMS-Gruppe, zeigte anhand einer Befragung in seinem
Unternehmen, wie unterschiedlich die Bedürfnisse ausfallen. Während in Büroberufen
ein klarer Wunsch nach Teilzeitarbeit besteht, ist dieser bei Bauarbeitern deutlich
weniger ausgeprägt. Auffällig ist jedoch, dass auch auf der Baustelle ein Bedürfnis nach
mehr Flexibilität vorhanden ist.
Sandra Werneyer und Lea Ott zeigten anhand ihres Co-CEO-Modells bei der werneyer
ott architektur gmbh, dass neue Arbeitsformen möglich sind. Gleichzeitig wurde
deutlich, dass solche Modelle hohe organisatorische und kommunikative
Anforderungen stellen. Es gelte abzuwägen, ob Verantwortung und Führung auf mehrere
Schultern verteilt werden können und wie gross die tatsächliche Nachfrage nach Teilzeit
im Unternehmen ist.

Perspektiven und Rollenbilder
Einen persönlichen Zugang brachte Caroline Farberger in ihrer Videobotschaft ein. Die
schwedische Unternehmerin sprach über ihre Erfahrungen vor und nach ihrer Transition
und darüber, wie stark Perspektiven die Wahrnehmung prägen.
Erst rückblickend habe sie erkannt, welche Privilegien sie in ihrem früheren Leben als
Mann hatte. Ihre zentrale Aussage: Inklusion bedeutet, Perspektiven zu wechseln und
bestehende Denkmuster zu hinterfragen.
Auch Dörte Resch, Professorin für Angewandte Psychologie an der FHNW, dass
stereotype Bilder in der Branche weiterhin präsent sind. Reine Sichtbarkeit des
Unternehmens, etwa durch Bilderkampagnen, reicht nicht aus. Stereotype, die nicht
mehr mit der Realität der Bauberufe übereinstimmen, müssen mit einem aktiven
Branding der Berufe angegangen werden, damit die attraktiven Aspekte authentisch für
alle abgebildet werden.

Die Branche muss handeln
Im Rahmen der Podiumsdiskussion diskutierten Olivier Imboden, CEO Ulrich Imboden
AG, Sven Stingelin, Polier bei Frutiger AG Basel, und Thomas Weber, Leiter Strassenbau
Zürich bei Walo Bertschinger AG, inwiefern eine bessere Vereinbarkeit des Berufs- und
Privatlebens zur Entschärfung des Fachkräftemangels beitragen kann.
Imboden zeigte auf, dass eine gelebte Unternehmenskultur und echte Wertschätzung
entscheidend sind. In seinem Unternehmen werden Mitarbeitende aktiv einbezogen und
tragen die Werte mit. Dies wirkt sich direkt auf die Attraktivität als Arbeitgeber aus.
Stingelin brachte die Perspektive der Baustelle ein und machte deutlich, dass
Vereinbarkeit dort anderen Rahmenbedingungen unterliegt als im Büro. Weber
ergänzte, dass betriebliche Abläufe und Projektanforderungen den Handlungsspielraum
wesentlich prägen.
Cornel Müller, Gründer der Work-ID AG, zeigte auf, wie Unternehmen durch gezieltes
Berufsmarketing neue Zielgruppen erreichen können – auch indem sie frühzeitig
Interesse für die Branche wecken.

Aus der Sicht der Bau- und Infrastrukturbranche

  • Vereinbarkeit verlangt differenzierte Lösungen – Standardmodelle greifen
    zu kurz.
  • Der Wunsch nach Flexibilität ist längst kein Bürophänomen mehr,
    sondern erreicht auch die Baustelle.
  • Eine gelebte Unternehmenskultur wird zum entscheidenden Faktor im
    Wettbewerb um Fachkräfte.
  • Neue Arbeitsmodelle sind möglich – aber nicht beliebig übertragbar.
  • Die Balance zwischen wirtschaftlichen Anforderungen und individuellen
    Bedürfnissen bleibt die zentrale Herausforderung.

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