Tief unter dem Zürichsee
Mit einem Pionierprojekt stärkt Zürich seine Stromversorgung: Eine Hochspannungsleitung wird erstmals 50 Meter unter dem Seegrund verlegt – unter schwierigen geologischen und logistischen Bedingungen.
In Zürich kam es 2025 in Teilen der Innenstadt zu einem grösseren, mehrstündigen Stromausfall: Trams blieben stehen, in Läden ging das Licht aus. Der Grund war ein Kurzschluss in einer Trafostation. Damit künftig solche Ausfälle des Stromnetzes vermieden werden können, treibt Zürich den Ausbau seiner Energieinfrastruktur mit einem nicht alltäglichen Projekt voran: Erstmals wurde in den vergangenen Monaten eine Hochspannungsleitung tief unter dem Zürichsee verlegt. Dabei handelt es sich um eine sieben Kilometer lange Leitung, die zwei Unterwerke der Elektrizitätswerk der Stadt Zürich in den Quartieren Riesbach und Wollishofen verbindet. Ziel ist es, die Versorgungssicherheit der Stadt langfristig zu erhöhen und das Stromnetz robuster gegenüber Störungen abzusichern.
Hohe Anforderungen an den Baugrund
In technischer Hinsicht setzt das Pionierprojekt neue Massstäbe: Die Hochspannungsleitung wurde mittels sogenannter Spülbohrung 50 Meter unter dem Seegrund verlegt. Die technischen Anforderungen der Bauarbeiten verlangen eine enge Zusammenarbeit diverser Fachdisziplinen und eine präzise Koordination aller Beteiligten. Eine Bohrung dieser inik Klotz vom Wasserbauspezialisten Staubli, Kurath & Partner AG, welche die Projektleitung innehatte. Zum einen, so der Bauingenieur, erfolgte die Bohrung in geologischen Schichten, die weitgehend unerschlossen und somit nur begrenzt bekannt waren. «Wir konnten die Unterquerung des Zürichsees in 50 Metern Tiefe unter dem Seegrund im Vorfeld nur anhand vorhandener Daten aus dem geologischen Atlas abschätzen, da zusätzliche Sondierungen aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich waren.» Daher kam es bei der Ausführung zu mehreren unerwarteten Schichtwechseln zwischen weichen Seeablagerungen und hartem Fels. Klotz: «Diese wechselnden Baugrundverhältnisse stellten hohe Anforderungen an die Wahl und den Einsatz der geeigneten Abbauwerkzeuge. In diesem Sinne war die Bohrung tatsächlich eine Pionierleistung.»
Anspruchsvolle Logistik
Eine weitere Herausforderung war das innerstädtische Umfeld. Die Platzverhältnisse für Installationsflächen der Baustelle in der Seehofstrasse waren stark eingeschränkt, und bestehende Werkleitungen beeinflussten sowohl die möglichen Trassenführungen als auch die zulässigen Kurvenradien der Bohrung und der späteren Kabelanlage. Zusätzlich, sagt Klotz, führten Anforderungen an Fluchtwege – im Zusammenhang mit der Street Parade – zu erhöhtem Installationsaufwand und einem geplanten Baustellenunterbruch. «Auch die Logistik war anspruchsvoll: In der Endphase musste die Bohrflüssigkeit kontinuierlich mit Pumpwagen von der Zielgrube in der Breitingerstrasse zurück zur Startgrube in der Seehofstrasse transportiert werden – über stark frequentierte Verkehrsachsen mitten durch die Stadt Zürich», sagt Dominik Klotz. Dazu kamen die Interessen der Anrainer, Behörden und städtischen Dienstabteilungen, die betreffend Lärm- und Luftemissionen, Verkehrsführung sowie Baumschutz zu berücksichtigen waren.
Moderne Ingenieurtechnik
Nach der erfolgreichen Pilotbohrung und mehreren Aufweitungen konnte Anfang dieses Jahres ein durchgehend verschweisstes Stahlrohr mit einer Länge von knapp 1000 Metern eingezogen werden. Dieser Einzug erfolgte im 24-Stunden-Betrieb innert einer Woche. Dominik Klotz: «Derzeit werden die letzten PE-Rohre – die Kabelschutzrohre – in das Stahlrohr eingezogen. Im Anschluss folgen die Verbindungen der EW-Trassen sowie das Verfüllen der Start- und Zielgruben. Den Abschluss der Arbeiten bildet gegen Ende April der Einzug der Stromkabel.» Das Projekt zeigt, wie moderne Ingenieurtechnik dazu beiträgt, die Energieversorgung einer wachsenden Stadt nachhaltig zu sichern und gleichzeitig Umweltbelange zu berücksichtigen.