Ein Jahrhundertbauwerk wird saniert 

Der Simplontunnel gehört zu den wichtigsten Bahnverbindungen Europas. Die SBB investieren 55 Millionen Franken, um Sicherheit und Betrieb langfristig zu gewährleisten. 

Der Simplontunnel zählt seit seinem Baubeginn Anfang des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Eisenbahnverbindungen Europas. Heute verkehren täglich über 250 Züge zwischen Brig und Domodossola/Iselle. Der Tunnel besteht aus zwei getrennten, knapp 20 Kilometer langen Röhren. Doch die Infrastruktur ist in die Jahre gekommen, entsprechend hoch ist der Erneuerungsbedarf. Im Zentrum der Arbeiten steht die Oströhre aus dem Jahr 1905, die auf ihrer gesamten Länge saniert wird. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) investieren dafür 55 Millionen Franken in die Instandsetzung des über 100 Jahre alten Bauwerks.  

Vorgesehen ist unter anderem die Sanierung des Tunnelgewölbes, Verbesserungen bei der Entwässerung sowie die Modernisierung der Fahrbahn. Ziel ist es, Sicherheit und Stabilität des Simplontunnels für die nächsten Jahrzehnte zu sichern. Die Arbeiten haben 2025 begonnen und dauern voraussichtlich bis 2028. Sie erfolgen etappenweise: Jedes Jahr wird während sechs Monaten gearbeitet. Die SBB stimmen die Bauphase mit Projekten in anderen Tunneln (Basel–Chiasso/Gotthard/Ceneri) ab, um das Angebot im Personen- und Güterverkehr möglichst aufrechtzuerhalten. 

«Dieses Jahr findet die Gewölbesanierung statt, hauptsächlich mit Spritzbeton. Es handelt sich um Fugensanierungen und die Sanierung des Tunnelgewölbes», sagt SBB-Sprecherin Sabrina Schellenberg. Zuerst werden die Bruchsteine mit Hochdruck gereinigt. Danach werden die Fugen bereichsweise mit Injektionen verstärkt oder Beton aufgespritzt, um einen ganzen Bereich zu verstärken. «Die vorliegende Sanierung basiert auf den Zustandsdiagnosen der vergangenen Jahre, mit denen festgestellt werden konnte, welche Flächen zu sanieren sind», sagt Schellenberg. 

Für faire Bedingungen  im Untertagbau 

Dominique Brandenberger und PK-UT-Team für faire Arbeitsbedingungen im Schweizer Untertagbau

Die Arbeit der PK-UT beginnt dort, wo die meisten nicht hinschauen: tief unter der Erde. Dominique Brandenberger und ihr Team sorgen dafür, dass Arbeitsbedingungen stimmen und Vorschriften eingehalten werden. 

Der Untertagbau zählt zu den anspruchsvollsten Bereichen der Bauwirtschaft. Unterschiedliche Arbeitsmodelle, komplexe Vertragsstrukturen und ein herausforderndes Umfeld verlangen nach klaren Regeln. Wichtig ist in einem solchen Spannungsfeld, dass die einheitlichen Standards des Landesmantelvertrags (LMV) konsequent umgesetzt werden. Für den Vollzug, das heisst Anwendung, Durchsetzung und Kontrolle, ist die Paritätische Berufskommission für den Untertagbau Schweiz (PK-UT) zuständig, die in der Öffentlichkeit weniger bekannt ist. Ihre Arbeit findet dort statt, wo die meisten nicht hinschauen – in Tunneln, Stollen und Kavernen. «Es stimmt, viele Leute wissen nicht, dass es uns gibt», sagt Dominique Brandenberger, seit fünf Jahren PK-UT-Geschäftsführerin, «aber unsere Arbeit sorgt dafür, dass im Untertagbau Fairness nicht verhandelbar ist.»  

Löhne und Arbeitszeiten 

Die Kommission ist paritätisch organisiert, das heisst, je drei Arbeitgeber und Arbeitnehmer sitzen gleichberechtigt am Tisch. Die Hauptaufgaben der PK-UT ist es, sicherzustellen, dass die Bestimmungen des (LMV) eingehalten werden, insbesondere die Untertagvereinbarung der Anhang 10. Dazu zählen zum Beispiel Löhne, Arbeitszeiten und Spesen. Dies beginnt mit den Meldungen der Baustelle. Brandenberger und ihr dreiköpfiges Team sorgen dafür, dass für alle Unternehmen im Untertagbau in der ganzen Schweiz faire Arbeitsbedingungen herrschen, und sollte dies nicht der Fall sein, beratend und korrigierend eingreift. Durch die Allgemeinverbindlichkeit des LMV gilt dies auch für nicht dem Schweizerischen Baumeisterverband angeschlossene und ausländische Unternehmungen, die am Untertagbau beteiligt sind, sowie beigezogene Subunternehmer und Temporärfirmen. 

Geschätzte Zusammenarbeit 

Das PK-UT-Team kontrolliert pro Jahr ungefähr 40 Baustellen vor Ort (70 weitere administrativ im Büro), indem sie diese auf Voranmeldung hin besuchen. «Wenn wir auf eine Baustelle gehen, schauen wir uns alles an», sagt Brandenberger, «Stundenrapporte, Lohnabrechnungen, Einsatzzeiten, Arbeitsverträge bei Endsandten und vieles mehr.» Was geschieht, wenn Unregelmässigkeiten wie zum Beispiel systematisch falsch erfasste Arbeitszeiten festgestellt werden? «Dann greifen wir als Kommission ein, das reicht von Nachzahlungen bis zu Sanktionen. Aber in den meisten Fällen laufen unsere Kontrollen problemlos ab und werden geschätzt.» Unklarheiten können in der Regel ausgeräumt werden, indem alle Beteiligten nach einer gemeinsamen Lösung suchen. Dies ist einer der Punkte, die Dominique Brandenberger immer wieder an ihrem Beruf fasziniert. Wie Parteien mit gegensätzlichen Interessen wie Arbeitgeber und Arbeitnehmernehmer zusammenarbeiten und schliesslich zu konstruktiven Lösungen gelangen. 

Neuregelung 

2026 ist für die PK-UT ein Jahr des Umbruchs, denn mit der überarbeiteten Untertagbauvereinbarung zum LMV, Anhang 10, wurden die Arbeitsbedingungen im Untertagbau grundlegend modernisiert und attraktiver gestaltet. Die bisherigen Zuschläge werden in den nächsten vier Jahren sukzessive erhöht. Die Neuerungen umfassen unter anderem die Ausweitung der Zuschläge auf Personal im Übertagbereich (Werkstatt, Logistik), die Einführung einer Schichtzulage sowie verbesserte Standards für Unterkünfte mit Einzelzimmern ab 2028. Brandenberger: «Mit den neuen Regelungen ist es gelungen, eine zukunftsfähige und wirtschaftlich tragfähige Grundlage für attraktive Rahmenbedingungen für das Personal zu schaffen und gleichzeitig die Position der im Untertagbau tätigen Schweizer Baufirmen zu stärken.» Die stufenweise Umsetzung in den nächsten vier Jahren stellt sicher, dass die Branche durch faire Entlöhnung und zeitgemässe Rahmenbedingungen auch künftig qualifizierte Fachkräfte gewinnen und langfristig binden kann. 

Die wichtigsten Projekte im Tunnelbau 

Karte geplanter Tunnelbauprojekte in der Schweiz mit Übersicht zu Infrastruktur und Untertagbau

Die Schweiz ist das Land der Tunnel. Das liegt daran, dass mehr als die Hälfte des Landes aus Bergen besteht, und Tunnel oft die einzige und direkteste Möglichkeit sind, Regionen zu verbinden. Je nach Definition sind es zwischen 1 200 und 1 400 an der Zahl. Ob für die Bahn oder die Strasse, sie verkürzen signifikant die Reisezeit. Ihre Bedeutung für die Mobilität in unserem Land ist deshalb zentral.  

In allen Regionen sind in den nächsten Jahren neue Vorhaben vorgesehen, sei es im Ausbau oder im Unterhalt. Das Projektvolumen bestätigt den langfristigen Bedarf und unterstreicht die Bedeutung des Untertagbaus für Mobilität, Versorgung und Sicherheit. Die Übersicht zeigt die geplanten Tunnelprojekte, basierend auf der Schweizer Tunneldatenbank des FGU (Fachgruppe für Untertagbau). 

Sicherheit hat im Untertagbau oberste Priorität 

Bauarbeiter im Tunnelbau mit Schutzkleidung – Sicherheit im Untertagebau nach EKAS-Richtlinien

Baustellen unter Tage stehen für anspruchsvolle Technik, Präzision und starke Zusammenarbeit – bei gleichzeitig grossem Fokus auf die Sicherheit. Dank praxisnaher, paritätisch entwickelter Regeln sind die Baustellen sicher und attraktiv.

Die Eidgenössische Koordinationskommission für Arbeitssicherheit (EKAS) stellt mit der Richtlinie 6514 praxisorientierte Regeln zur Verfügung, um Risiken gezielt zu minimieren. Mit Erfolg: In den letzten zehn Jahren konnten die Unfälle auf Untertagbaustellen um rund 8 Prozent reduziert werden.

Als Koordinationsplattform vereint die EKAS Versicherer, Bund, Kantone und Sozialpartner mit dem Ziel, gemeinsame Standards für die Arbeitssicherheit festzulegen. Infra Suisse wurde in Entwicklung und Überarbeitung der Richtlinie involviert.

«Im Untertagbau spielt die Sicherheit eine zentrale Rolle. Sie muss in jeder Phase der Baustelle berücksichtigt werden. Daher sind das gemeinsame Verständnis und klare Abläufe essenziell, um die Berufe sicher und attraktiv zu halten», betont Leonardo Garaguso, Leiter Markt & Technik bei Infra Suisse.

Für Untertagarbeiten zeigt die Richtlinie, wie Vorschriften zur Arbeitssicherheit und zum Gesundheitsschutz praxisnah umgesetzt werden können.

Moderne Technik und durchdachte Organisation

Fortschrittliche technische und organisatorische Massnahmen sorgen für Arbeitssicherheit. Dazu zählen zum Beispiel leistungsfähige Belüftungssysteme für gute Luft und eine angepasste Beleuchtung für optimale Sicht.

Ausbildung und Teamkompetenz

Die Richtlinie unterstreicht die Bedeutung regelmässiger Ausbildung und klarer Instruktionen. Mitarbeitende werden geschult, damit das ganze Team auf demselben Wissensstand ist und effizient gearbeitet wird.

Vorbereitung auf den Ernstfall

Notfall- und Rettungskonzepte sollen gemeinsam erarbeitet und geübt werden. Damit kann im Ereignisfall schnell und koordiniert gehandelt werden.

Gesunde Arbeitsbedingungen

Gute Luftqualität, ergonomische Abläufe und durchdachte Planung tragen dazu bei, die Arbeit sicher, effizient und nachhaltig zu gestalten.

Zukunft des Untertagbaus

Der unterirdische Infrastrukturbau in der Schweiz war lange geprägt von Tunnels sowie einzelnen Wasserbauanlagen und genoss international ein grosses Ansehen. Das Bild beginnt sich aktuell aber zu ändern.

Der Untergrund wird zunehmend als eigenständiger Raum verstanden, als Nutzfläche. Das eröffnet neue Möglichkeiten, gerade im urbanen Kontext. Gleichzeitig gewinnt der Untergrund im Zusammenhang mit dem Klimawandel an Bedeutung, etwa bei der Speicherung und Regulierung von Wasser. Die technischen Möglichkeiten gibt es. Was fehlt, sind die entsprechenden Rahmenbedingungen. Das öffentliche Beschaffungswesen ist dafür ein gutes Beispiel. Mit der Revision des Beschaffungsrechts wurde ein klarer Schritt in Richtung Qualität gemacht. In der Praxis bleibt jedoch oft der Preis ausschlaggebend. Das führt bei allen Beteiligten zu einem höheren Konfliktpotenzial. Hinzu kommt ein strukturelles Ungleichgewicht. Die öffentliche Hand ist der mit Abstand wichtigste Auftraggeber im Infrastrukturbau. Entsprechend gross ist ihre Marktmacht.

Die Vertragsmodelle sind in den letzten Jahren spürbar strenger geworden. Risiken werden zunehmend auf die Unternehmerseite verschoben, während gleichzeitig wenig Raum für flexible oder partnerschaftliche Lösungen bleibt. Instrumente wie Dispute Boards oder Schiedsverfahren, die in anderen Ländern längst etabliert sind, spielen kaum eine Rolle. Stattdessen landet man bei Meinungsverschiedenheiten schnell vor Gericht. Das Verhalten grosser öffentlicher Bauherren wird von uns Unternehmern als zunehmend schwierig wahrgenommen, was Unsicherheiten schafft und für Frust sorgt. Wenn deshalb wichtige Projekte nicht realisiert werden können, schadet das der Wirtschaft und der Gesellschaft. Das muss nicht sein. Modelle wie die Projektallianz nach SIA 2065 zeigen, dass es auch anders gehen kann – mit geteilter Verantwortung, gemeinsamen Zielen und weniger Fokus auf Absicherung. In der Praxis bleiben solche Ansätze jedoch noch die Ausnahme.

Wenn die neuen Nutzungsmöglichkeiten des Untergrunds tatsächlich ausgeschöpft werden sollen, braucht es also mehr als bloss die technische Kompetenz. Es braucht ein System, das auf Zusammenarbeit ausgerichtet ist, das die Risiken fair verteilt und das den Beteiligten genügend Planungssicherheit garantiert. Ohne geht es nicht. Genau daran wird sich entscheiden, wie sich der unterirdische Bau in der Schweiz in den kommenden Jahren entwickelt.

Ivan Vincenzi
Vorstandsmitglied Infra Suisse
Präsident Fachkonferenz Untertagbau

Stadt unter der Stadt 

Während andere Metropolen verzweifelt gegen Platzmangel und Verkehrschaos kämpfen, hat Finnlands Hauptstadt Helsinki eine radikale Lösung gefunden: Sie wächst nach unten. Eine Lösung für die Schweiz und ein neues Tätigkeitsgebiet für die hiesigen Tunnelbauer? 

Der Unmut bei Schweizer Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohnern wächst: Wer eine neue, bezahlbare Wohnung in der Stadt sucht, findet oft nur Frust. Das Thema Verdichtung ist angesichts der wachsenden Bevölkerung allgegenwärtig. Urbane Dichte muss aber nicht automatisch Stress und Enge bedeutet, wie in Finnland die Stadt Helsinki zeigt. Das Rezept: Die «schmutzige» Infrastruktur und die Freizeitanlagen wandern unter die Erde, damit oben mehr Raum bleibt für das, was eine Stadt ausmacht: Luft, Licht und Natur. 

Die Stadt unter der Stadt ist kein düsterer Irrgarten, sondern ein gelungenes Beispiel für intelligente Stadtplanung. Die Finnen hatten bereits in den 1960er-Jahren die Idee, ihre Stadtplanung nicht nur auf die Oberfläche zu beschränken, sondern begannen damals, einzelne Einrichtungen unter der Erde zu bauen. Diese Pläne eines unterirdischen Komplexes konkretisierten sich in den 1980er-Jahren. 2010 wurden die Planungen perfektioniert, seither liegt ein «Underground Master Plan» vor. In diesem ist estgelegt, wie der Untergrund genutzt werden darf und welche Flächen für zukünftige Projekte reserviert bleiben. Helsinki behandelt den Raum unter der Oberfläche also ähnlich strategisch wie Bauland an der Oberfläche. 

Schwimmbad im Untergrund 
Helsinki gehört weltweit zu den Vorreitern des urbanen Untertagebaus. Während andere Metropolen den Untergrund bloss punktuell nutzen, beispielsweise für U-Bahnen oder Tiefgaragen, hat die finnische Hauptstadt den Raum unter ihren Strassen systematisch erschlossen. So entstand über Jahrzehnte hinweg eine komplexe Infrastruktur aus unterirdischen Verkehrswegen, Versorgungsanlagen, Lagern und sogar Freizeitstätten. Neben der U-Bahn und unterirdischen Strassen findet man unter anderem ein Schwimmbad inklusive Sauna, einen Konzertsaal, Einkaufszentren, eine Kartbahn, Badmintonfelder, Skateboardhallen, einen Kinderspielplatz, die Felsenkirche Temppeliaukio sowie das Kunstmuseum Amos Rex.  

Unterirdische Einkaufszentren verbinden wichtige Verkehrsknotenpunkte, Fussgängertunnel erleichtern im Winter die Wege durch die Innenstadt. Viele der unterirdischen Hallen und Anlagen besitzen zudem eine Doppelfunktion: Sie sind so konstruiert, dass sie im Ernstfall als Schutzräume dienen. Was im Alltag als Parkhaus, Lagerfläche oder Sporthalle genutzt wird, lässt sich bei Bedarf innerhalb kurzer Zeit in einen Schutzraum für Tausende Menschen umwandeln. Dass Helsinki den Untergrund so intensiv nutzen kann, hat damit zu tun, dass die Stadt auf stabilem Granit liegt, der sich gut für Tunnel und Kavernen eignet. Grosse Räume können direkt in den Felsen gesprengt werden und bleiben stabil. Dadurch ist der Bau unterirdischer Infrastruktur technisch einfacher.