Ein Jahrhundertbauwerk wird saniert 

Der Simplontunnel gehört zu den wichtigsten Bahnverbindungen Europas. Die SBB investieren 55 Millionen Franken, um Sicherheit und Betrieb langfristig zu gewährleisten. 

Der Simplontunnel zählt seit seinem Baubeginn Anfang des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Eisenbahnverbindungen Europas. Heute verkehren täglich über 250 Züge zwischen Brig und Domodossola/Iselle. Der Tunnel besteht aus zwei getrennten, knapp 20 Kilometer langen Röhren. Doch die Infrastruktur ist in die Jahre gekommen, entsprechend hoch ist der Erneuerungsbedarf. Im Zentrum der Arbeiten steht die Oströhre aus dem Jahr 1905, die auf ihrer gesamten Länge saniert wird. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) investieren dafür 55 Millionen Franken in die Instandsetzung des über 100 Jahre alten Bauwerks.  

Vorgesehen ist unter anderem die Sanierung des Tunnelgewölbes, Verbesserungen bei der Entwässerung sowie die Modernisierung der Fahrbahn. Ziel ist es, Sicherheit und Stabilität des Simplontunnels für die nächsten Jahrzehnte zu sichern. Die Arbeiten haben 2025 begonnen und dauern voraussichtlich bis 2028. Sie erfolgen etappenweise: Jedes Jahr wird während sechs Monaten gearbeitet. Die SBB stimmen die Bauphase mit Projekten in anderen Tunneln (Basel–Chiasso/Gotthard/Ceneri) ab, um das Angebot im Personen- und Güterverkehr möglichst aufrechtzuerhalten. 

«Dieses Jahr findet die Gewölbesanierung statt, hauptsächlich mit Spritzbeton. Es handelt sich um Fugensanierungen und die Sanierung des Tunnelgewölbes», sagt SBB-Sprecherin Sabrina Schellenberg. Zuerst werden die Bruchsteine mit Hochdruck gereinigt. Danach werden die Fugen bereichsweise mit Injektionen verstärkt oder Beton aufgespritzt, um einen ganzen Bereich zu verstärken. «Die vorliegende Sanierung basiert auf den Zustandsdiagnosen der vergangenen Jahre, mit denen festgestellt werden konnte, welche Flächen zu sanieren sind», sagt Schellenberg. 

Die wichtigsten Projekte im Tunnelbau 

Karte geplanter Tunnelbauprojekte in der Schweiz mit Übersicht zu Infrastruktur und Untertagbau

Die Schweiz ist das Land der Tunnel. Das liegt daran, dass mehr als die Hälfte des Landes aus Bergen besteht, und Tunnel oft die einzige und direkteste Möglichkeit sind, Regionen zu verbinden. Je nach Definition sind es zwischen 1 200 und 1 400 an der Zahl. Ob für die Bahn oder die Strasse, sie verkürzen signifikant die Reisezeit. Ihre Bedeutung für die Mobilität in unserem Land ist deshalb zentral.  

In allen Regionen sind in den nächsten Jahren neue Vorhaben vorgesehen, sei es im Ausbau oder im Unterhalt. Das Projektvolumen bestätigt den langfristigen Bedarf und unterstreicht die Bedeutung des Untertagbaus für Mobilität, Versorgung und Sicherheit. Die Übersicht zeigt die geplanten Tunnelprojekte, basierend auf der Schweizer Tunneldatenbank des FGU (Fachgruppe für Untertagbau). 

Wer in der Schweiz künftig die Tunnels baut

Die Tunnelbau-Branche boomt. Die Auftragsbücher sind auf Jahre hinaus voll. Die Rückkehr zu einem alten Schichtsystem soll sicherstellen, dass künftig auch genügend Mineure bei den Schweizer Tunnelbauern anheuern.

Die Schweiz ist das Land der Tunnels. Kein Wunder, zählen die hiesigen Tunnelbauer zu den besten in Europa. In den letzten Jahren hat sich die Branche stark gewandelt und umfassend in die Industrialisierung investiert. Heute dominieren Automatisierung und strenge Sicherheitsanforderungen, entsprechend hoch sind die Qualifikationsanforderungen an die Mineure.

«Der Untertagbau ist Hightech-Arbeit geworden», erklärt Andreas Reber, Geschäftsführer Marti Tunnel AG. «Wir benötigen spezialisierte Fachkräfte mit technischem Verständnis. Deshalb investieren wir viel in die Ausbildung, mehr als je zuvor.» Gleichzeitig hätten sich die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert. Auch finanziell sei der Beruf attraktiv: «Man verdient gut als Mineur im Tunnelbau.»

Internationale Konkurrenz verschärft die Lage

Bis zu 95 Prozent der Mineure stammen aus Österreich, Italien, Spanien, Kroatien oder Portugal. «Wir brauchen diese Fachkräfte für unsere vielen Projekte», meint Reber. Das könnte sich ändern, denn die Schweiz verliere an Attraktivität. Trotz besserer Löhne würden viele Mineure abwägen, ob sich ein Einsatz in der Schweiz für sie noch lohne. Denn in ihren Heimatländern sind ebenfalls grosse Tunnelprojekte geplant.

«Wir brauchen ein Schichtsystem, das den Bedürfnissen der ausländischen Mineure entgegenkommt. Sonst könnte unser Land nicht mehr erste Wahl sein», warnt Reber. Das heutige Schichtmodell gilt als wenig attraktiv. «Am Ende bleibt oft nur ein echter Tag zu Hause.» Deshalb arbeitet die Branche, zusammen mit dem Seco und den Gewerkschaften, an Schichtsystemen mit acht bis neun Tagen am Stück und dafür fünf  bis sechs Tagen Freizeit. «Es braucht attraktive und sozialverträgliche Schichtsysteme mit genügend Zeit bei der Familie», ist Reber überzeugt. Für die Zukunft des Schweizer Tunnelbaus wird entscheidend sein, ob es gelingt, für die in der Schweiz ausgebildeten Fachkräfte attraktiv zu bleiben.

Von der Idee zur Revolution

Druckhafte Verhältnisse, wenn das Gebirge also aktiv in den Tunnel hineindrückt, stellen Tunnelbauer vor Probleme. Ein Bauleiter von Implenia hat nun eine revolutionäre Lösung dafür gefunden.

«Wenn man an technische Grenzen stösst, müssen innovative Lösungen entwickelt werden. Dies haben wir beim Semmering-Basistunnel erfolgreich umgesetzt», sagt Manuel Entfellner von Implenia. Konkret ging es um die Situation, dass aufgrund von schwierigen geologischen Verhältnissen der Berg auf den Tunnel drückte. Es drohte eine Beschädigung der Spritzbetondecke. In solchen Situationen werden Stauchelemente als Puffer eingesetzt. Entfellner nahm aber nicht eines der marktüblichen Produkte, sondern entwickelte auf der Basis von wissenschaftlichem geotechnischem Fachwissen ein neues System, das HS-EPS-Stauchelement. Das geringe Gewicht des HS-EPS-Materials im Vergleich zu herkömmlichen Produkten reduziert den Installationsaufwand erheblich, was sich direkt auf die Kosten und den Zeitaufwand auswirkt. Zudem wird die Montage für die Mitarbeitenden dadurch auch sicherer. Darüber hinaus ist die flexible, projektspezifische Anpassung des Spannungs-Dehnungs-Verhaltens durch den variablen Aufbau der Paneele – sie sind in Sandwichbauweise hergestellt – ein wesentlicher Vorteil. Die Grösse der Elemente kann sogar vor Ort angepasst werden. Die HS-EPS-Stauchelemente ermöglichen eine vollflächige Übertragung der tangentialen Kräfte in die Spritzbetonschale und bieten somit einen Kippwiderstand bei hohen differentialen Verformungen. «HS-EPS-Stauchelemente revolutionieren die Art und Weise, wie man im Tunnelbau auf druckhafte Gebirgsverhältnisse reagiert», schreibt Implenia dazu.

Nach mehr als zwei Jahren Tests, Labor- und Feldversuchen haben die HS-EPS-Stauchelemente die technische Produktreife erreicht und werden nach den positiven Erfahrungen im Semmering- Basistunnel gemäss Implenia künftig weltweit eingesetzt.

Chancen und Engpässe

Die Tunnelbaubranche blickt auf eine intensive Zukunft: Zahlreiche Grossprojekte stehen an. Branchenvertreter sagen, wo die grössten Herausforderungen liegen.

Daniel Spörri, Leiter Tunnelbau, Implenia Schweiz AG

In den nächsten 10 bis 20 Jahren erwarten wir nebst diversen kleinen und mittleren Projekten mehrere sehr grosse Infrastrukturprojekte. Einige davon, unter anderem die zweite Röhre des Gotthard-Strassentunnels, haben bereits begonnen. Nun gilt es, die entsprechenden Ressourcen in der Schweiz wieder aufzubauen, also Fachleute zu entwickeln und das Know-how weiterzugeben. Implenia gehört zu den führenden Tunnelbauern in Europa und das macht uns interessant auch für Fachleute aus dem nahen Ausland.

Stefan Müller, Abteilungsleiter Unterbau, Frutiger AG

In den kommenden Jahren werden im Untertagbau zahlreiche Grossprojekte realisiert und die Tunnelbaubranche darf optimistisch in die Zukunft blicken. Die Herausforderungen liegen darin, dass wir genügend Mitarbeitende rekrutieren können, um das grosse Arbeitsvolumen auch zu bewältigen. Dabei gilt zu beachten, dass das Know-how von den erfahrenen Mitarbeitenden auf die Jungen übertragen werden kann. Obwohl der Verdienst im Untertagbau sehr gut ist, sind im Untertagbau im Verhältnis nur sehr wenige Schweizer tätig. Das bedeutet für die Unternehmungen, dass sie zwingend auf ausländische Mitarbeitende angewiesen sind. 

Christian Zimmermann, Leiter Untertagbau, Gasser Felstechnik AG

Tunnelbau bedeutet: Jeden Tag etwas Neues. Wir bewegen uns in Bereichen, in denen noch niemand zuvor war und das bringt unvorhersehbare Risiken mit sich. Diese können verheerende Auswirkungen auf Menschen, Maschinen und die Umgebung haben. Deshalb setzen wir konsequent auf Sicherheit und Erfahrung: sowohl im menschlichen Umgang auf der Baustelle als auch in der Anwendung modernster Technik und Maschinen.

Oliver Imboden, CEO, Ulrich Imboden AG

Im Untertagebau gibt es eine eher überschaubare Anzahl Anbieter. Bei grösseren Objekten schliesst man sich zu Arbeitsgemeinschaften zusammen. Bei wechselnden Konstellationen spielen auch immer diverse Unternehmensrichtlinien eine Rolle. Zudem kämpfen wir oft mit mangelhaften Ausschreibungen, die in unnötigen Diskussionen enden. Es ist oft so, dass mit grossen Infrastrukturprojekten der Rechtsweg bestritten wird, weil die Bauherren kaum mehr Verantwortung übernehmen wollen oder können.

Zukunft des Untertagbaus

Der unterirdische Infrastrukturbau in der Schweiz war lange geprägt von Tunnels sowie einzelnen Wasserbauanlagen und genoss international ein grosses Ansehen. Das Bild beginnt sich aktuell aber zu ändern.

Der Untergrund wird zunehmend als eigenständiger Raum verstanden, als Nutzfläche. Das eröffnet neue Möglichkeiten, gerade im urbanen Kontext. Gleichzeitig gewinnt der Untergrund im Zusammenhang mit dem Klimawandel an Bedeutung, etwa bei der Speicherung und Regulierung von Wasser. Die technischen Möglichkeiten gibt es. Was fehlt, sind die entsprechenden Rahmenbedingungen. Das öffentliche Beschaffungswesen ist dafür ein gutes Beispiel. Mit der Revision des Beschaffungsrechts wurde ein klarer Schritt in Richtung Qualität gemacht. In der Praxis bleibt jedoch oft der Preis ausschlaggebend. Das führt bei allen Beteiligten zu einem höheren Konfliktpotenzial. Hinzu kommt ein strukturelles Ungleichgewicht. Die öffentliche Hand ist der mit Abstand wichtigste Auftraggeber im Infrastrukturbau. Entsprechend gross ist ihre Marktmacht.

Die Vertragsmodelle sind in den letzten Jahren spürbar strenger geworden. Risiken werden zunehmend auf die Unternehmerseite verschoben, während gleichzeitig wenig Raum für flexible oder partnerschaftliche Lösungen bleibt. Instrumente wie Dispute Boards oder Schiedsverfahren, die in anderen Ländern längst etabliert sind, spielen kaum eine Rolle. Stattdessen landet man bei Meinungsverschiedenheiten schnell vor Gericht. Das Verhalten grosser öffentlicher Bauherren wird von uns Unternehmern als zunehmend schwierig wahrgenommen, was Unsicherheiten schafft und für Frust sorgt. Wenn deshalb wichtige Projekte nicht realisiert werden können, schadet das der Wirtschaft und der Gesellschaft. Das muss nicht sein. Modelle wie die Projektallianz nach SIA 2065 zeigen, dass es auch anders gehen kann – mit geteilter Verantwortung, gemeinsamen Zielen und weniger Fokus auf Absicherung. In der Praxis bleiben solche Ansätze jedoch noch die Ausnahme.

Wenn die neuen Nutzungsmöglichkeiten des Untergrunds tatsächlich ausgeschöpft werden sollen, braucht es also mehr als bloss die technische Kompetenz. Es braucht ein System, das auf Zusammenarbeit ausgerichtet ist, das die Risiken fair verteilt und das den Beteiligten genügend Planungssicherheit garantiert. Ohne geht es nicht. Genau daran wird sich entscheiden, wie sich der unterirdische Bau in der Schweiz in den kommenden Jahren entwickelt.

Ivan Vincenzi
Vorstandsmitglied Infra Suisse
Präsident Fachkonferenz Untertagbau

«Der urbane Tunnelbau wird wichtiger werden»

Im Interview äussert sich Philipp Häfliger, Professor of Practise am Departement Bau, Umwelt und Geomatik der ETH Zürich und stellvertretender Abteilungsleiter Untertagsbau der Frutiger AG, zum Tunnelbau.

Was hat Sie persönlich zum Tunnelbau gebracht – und was fasziniert Sie bis heute daran?

Meine Faszination für den Tunnelbau wurde bereits während meines Studiums geweckt, insbesondere durch Baustellenbesuche und Vorlesungen, die mir einen direkten Einblick in die praktische Umsetzung komplexer Infrastrukturprojekte ermöglichten. Besonders beeindruckt hat mich von Anfang an das Zusammenspiel unterschiedlichster Fachdisziplinen – von Geologie und Maschinentechnik über Mitarbeiterführung bis hin zur wirtschaftlichen Lösungsfindungen in der Ausführung. Bis heute fasziniert mich am Tunnelbau vor allem, dass Projekte nur im Team erfolgreich realisiert werden können und man gemeinsam anspruchsvolle technische Lösungen unter oft schwierigen Randbedingungen entwickelt und umsetzt.

Wie hat sich der Tunnelbau in den letzten 20 Jahren technologisch verändert?

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Tunnelbau in vielerlei Hinsicht stark weiterentwickelt. Besonders prägend waren die Fortschritte in der Maschinen- und Vortriebstechnik, die zunehmende Digitalisierung sowie deutlich gestiegene Anforderungen an Sicherheit, Risikomanagement und Nachhaltigkeit. Durch den zunehmenden Einsatz von BIM, 3D-Modellen sowie automatisiertem Monitoring sind Planung und Ausführung heute wesentlich datengetriebener als früher. Insgesamt ist der Tunnelbau interdisziplinärer, technologisch anspruchsvoller und auch nachhaltiger geworden. Gleichzeitig steigt die Komplexität der Projekte, da Tunnelbauwerke heute häufig in unmittelbarer Nähe zu bestehender Infrastruktur unter laufendem Betrieb geplant und ausgeführt werden müssen.

Wo sehen Sie weitere technologische Innovationen?

Die technologischen Innovationen werden sich in den kommenden Jahren in allen Fachbereichen weiterentwickeln. Insbesondere die Automatisierung sowie der Einsatz von Assistenzsystemen in der Maschinentechnik schreiten rasch voran. Gleichzeitig werden vermehrt umweltverträglichere Produkte und Verfahren entwickelt und eingesetzt, wie beispielsweise aktuell der Einsatz vom emissionsarmen Sprengstoff Hypex Bio.

Ein wichtiger Aspekt wird zudem sein, Fach- und Führungskräfte zunehmend von administrativen und repetitiven Aufgaben zu entlasten, damit sie sich wieder stärker auf ihre Kernaufgaben in der technischen Planung, der Baustellenführung und der Projektabwicklung konzentrieren können.

Bei aller technologischen Entwicklung darf jedoch nicht vergessen werden: Tunnelbau bleibt Teamarbeit und wird letztlich auf der Baustelle von Menschen umgesetzt. Der Erfolg eines Projekts hängt deshalb nach wie vor entscheidend von der Erfahrung, der Zusammenarbeit und dem Engagement der beteiligten Personen ab.

Die tatsächlichen geologischen Verhältnisse stehen häufig tatsächlich erst fest, wenn die Vortriebe bereits am Laufen sind. Sind in den Verträgen solche Risiken fair geregelt?

Die geologischen Verhältnisse stellen im Tunnelbau nach wie vor eines der grössten Projektrisiken dar, da trotz umfangreicher Baugrunderkundungen stets eine gewisse Unsicherheit bestehen bleibt, bis der Vortrieb tatsächlich erfolgt.

In der Schweiz verfügen wir grundsätzlich über ein ausgereiftes und bewährtes Normen- und Vertragswesen, das eine faire Risikoverteilung vorsieht. Dabei gilt der Grundsatz, dass Risiken von den denjenigen Parteien getragen werden sollten, die sie auch beeinflussen können. Ziel sollte daher stets eine faire und partnerschaftliche Risikoverteilung zwischen Bauherrschaft, Planer und Unternehmer sein. Vor diesem Hintergrund sind die für Ausschreibungen zuständigen Stellen angehalten, diese Grundsätze entsprechend zu berücksichtigen und umzusetzen.

Werden in Ausschreibungen jedoch deutlich unausgewogene oder einseitige Risikoverteilungen vorgesehen, ist es aus meiner Sicht auch Aufgabe der Fachverbände, darauf hinzuweisen und entsprechend zu reagieren, um langfristig ausgewogene und wirtschaftlich tragfähige Vertragsmodelle im Tunnelbau zu gewährleisten.

Was sind neben den geologischen Unwägbarkeiten die grössten Risiken im Tunnelbau?

Neben den geologischen Unwägbarkeiten ist die Sicherheit im Tunnelbau eines der zentralen Themen. An erster Stelle stehen dabei der Schutz der Mitarbeitenden auf der Baustelle sowie der Schutz bestehender Bauwerke und Infrastrukturen – sowohl an der Oberfläche als auch im Untergrund. Ereignisse im Tunnelbau können sehr schnell grosse Auswirkungen haben und lassen sich nur durch sorgfältige Planung, geeignete Bauverfahren, ein funktionierendes Risikomanagement sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Bauherrn, Planer und Unternehmer beherrschen.

Sicherheit ist im Tunnelbau daher nicht nur ein technisches Thema, sondern vor allem auch eine Frage der Organisation, der Prozesse und der gelebten Sicherheitskultur auf der Baustelle.

Wie kann die Sicherheit verbessert werden?

Ich möchte mich in diesem Zusammenhang insbesondere auf das Thema Sicherheit fokussieren. Im Tunnelbau kommen häufig grosse Maschinen zum Einsatz, wodurch einerseits eine erhöhte Unfallgefahr besteht und andererseits die möglichen Folgen von Unfällen oft schwerwiegend sind. Es ist mir daher ein persönliches Anliegen, dass die Unfallzahlen weiter reduziert werden, denn jeder Unfall bedeutet grosses Leid für die Betroffenen und deren Angehörige.

Für die Sicherheit auf Baustellen sind letztlich alle Projektbeteiligten verantwortlich – Bauherrschaft, Planer und Unternehmer gleichermassen. In der Schweiz wird das Thema Sicherheit jedoch teilweise stark über den Preiswettbewerb gesteuert, was dazu führen kann, dass Unternehmen mit einem hohen Sicherheitsstandard im Wettbewerb benachteiligt sind.

In anderen Ländern, beispielsweise in England, ist es teilweise üblich, dass die Bauherrschaft ein eigenes Budget für Sicherheitsmassnahmen festlegt und die entsprechenden Massnahmen gemeinsam mit den Projektbeteiligten definiert und umsetzt. Ein solcher Ansatz könnte aus meiner Sicht auch in der Schweiz dazu beitragen, das Sicherheitsniveau insgesamt weiter zu erhöhen und gleichzeitig fairere Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.

Aktuell werden in der Schweiz hauptsächlich Tunnels durch Berge gebaut. Wie schätzen Sie das Potential des urbanen Tunnelbaus ein?

Der urbane Tunnelbau wird in der Schweiz aus meiner Sicht in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Während in der Vergangenheit viele grosse Tunnelprojekte im alpinen Raum realisiert wurden, liegen die heutigen und zukünftigen Herausforderungen zunehmend in den urbanen Räumen. Bevölkerungswachstum, steigende Mobilitätsbedürfnisse, der Ausbau des öffentlichen Verkehrs sowie der Bedarf an unterirdischer Infrastruktur führen dazu, dass der Untergrund in Städten immer intensiver genutzt wird.

Der urbane Tunnelbau ist jedoch häufig technisch und organisatorisch deutlich anspruchsvoller als der Tunnelbau in den Bergen. Zunehmend werden Projekte in geologisch anspruchsvollen Verhältnissen realisiert, die von früheren Generationen nach Möglichkeit gemieden wurden. Die Projekte finden in dicht bebauten Gebieten statt, häufig in unmittelbarer Nähe zu bestehenden Gebäuden, Verkehrswegen und Werkleitungen sowie unter laufendem Betrieb. Entsprechend sind die Anforderungen an Bauverfahren, Überwachung, Logistik, Kommunikation und Risikomanagement sehr hoch.

Wo sehen Sie die Herausforderungen?

Die grössten Herausforderungen im urbanen Infrastrukturbau liegen im Bauen im Bestand und unter Betrieb, in den sehr engen Platzverhältnissen und der komplexen Baustellenlogistik sowie in der Vielzahl von Anspruchsgruppen. Projekte im urbanen Raum werden daher häufig weniger durch die eigentliche Bauaufgabe begrenzt als vielmehr durch die Randbedingungen, die Koordination und die zahlreichen Schnittstellen.

Dies erfordert eine noch engere Zusammenarbeit aller Beteiligten sowie eine besonders sorgfältige Planung und Bauausführung. Gleichzeitig werden zunehmend zusätzliche Kompetenzen von den Führungskräften verlangt. Neben dem technischen Fachwissen rücken insbesondere eine kooperative, lösungsorientierte Projektkultur sowie ein breites Generalistenwissen in der Projektabwicklung in den Vordergrund – unter gezieltem Beizug von Spezialisten in den jeweiligen Fachbereichen.

Sie leiten seit 2025 als «Professor of Practice» das neue CAS Infrastrukturbau-Management an der ETH Zürich und sind als Projektleiter bei Frutiger in Grossprojekten tätig. Ihre Funktion ist es, eine Brücke zwischen der akademischen Forschung und der Bauindustrie zu schlagen. Wie beurteilen Sie das Verhältnis der Forschung zur Praxis auf der Baustelle?

Die akademische Forschung liefert heute viele wertvolle Ansätze. Die Herausforderung besteht häufig darin, diese Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie auf Projekten und Baustellen konkret angewendet werden können.

In der Praxis stehen Termine, Kosten, Risiken und die konkrete Umsetzbarkeit im Vordergrund, während die Forschung naturgemäss stärker auf methodische Entwicklungen und Optimierungen fokussiert. Entscheidend ist daher, dass ein echter Austausch in beide Richtungen stattfindet: Die Praxis kann der Forschung aufzeigen, wo die realen Probleme und Bedürfnisse liegen, und die Forschung kann neue Methoden, Werkzeuge und Denkansätze liefern, um Projekte künftig besser abzuwickeln.

Wie können Sie konkret Einfluss nehmen in der Verbindung zwischen Hochschule und der Praxis?

Ich sehe meine Rolle hier primär im praxisnahen Wissensaustausch in der Lehre. Das erstmals durchgeführte CAS mit Teilnehmenden aus Bauherrenorganisationen, Bauunternehmungen und Planungsbüros war ein Erfolg, und aktuell läuft die Anmeldefrist für den nächsten Weiterbildungskurs im Herbst. Parallel dazu arbeiten wir an der Konzeption und Ausarbeitung weiterer praxisorientierter Vorlesungsmodule im Grundstudium des Bauingenieurwesens.

Uns ist es ein wichtiges Anliegen, dass angehende Ingenieurinnen und Ingenieure bereits im Studium wieder vermehrt mit praxisnahen Fragestellungen und realen Projektabläufen in Kontakt kommen. Davon profitiert letztlich die gesamte Bauindustrie: Das Systemverständnis aller Projektbeteiligten wird geschärft und realistischer geprägt, was wiederum eine kooperative und lösungsorientierte Projektkultur fördert – insbesondere auch im Hinblick auf die zunehmend erwarteten Projektallianzen.

Die erfolgreiche gemeinsame Realisierung eines Projekts soll wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Das Handeln der Projektbeteiligten hat sich dabei in erster Linie am Gesamtprojekterfolg zu orientieren und nicht an den einzelnen Partikularinteressen.

Welche Botschaft möchten Sie der jüngeren Generation von Bauingenieurinnen und Bauingenieuren mit auf den Weg geben?

Mein Rat an junge Ingenieurinnen und Ingenieure ist, sich ein solides Grundlagenwissen anzueignen und gleichzeitig möglichst früh praktische Erfahrungen auf Baustellen zu sammeln. Gerade im Untertagbau lassen sich viele Zusammenhänge erst wirklich verstehen, wenn man die Verhältnisse vor Ort selbst erlebt hat.

Man muss sich zudem bewusst sein, dass wir im Tunnelbau in der Regel Einzelbauwerke unter sehr spezifischen geologischen und baulichen Randbedingungen realisieren. Auch mit grossem Aufwand in der Planung lassen sich die tatsächlichen Verhältnisse im Untergrund nie vollständig erkunden. Deshalb sind aus meiner Sicht nicht nur die technische Planung und die Ausführung entscheidend, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. Wenn es gelingt, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen die Beteiligten motiviert zusammenarbeiten, entsteht am Ende nicht nur ein technisch gelungenes Bauwerk, sondern auch ein Projekt, auf das alle gemeinsam stolz sein können.

Zur Person

Philipp Häfliger ist Professor of Practise am Departement Bau, Umwelt und Geomatik der ETH Zürich und stellvertretender Abteilungsleiter Untertagsbau der Frutiger AG. Er r verfügt über 30 Jahre Führungserfahrung in grossen nationalen und internationalen Infrastrukturbauprojekten, zudem war er mehrere Jahre Geschäftsleitungsmitglied einer auf Baustellenlogistik spezialisierten Maschinenbaufirma. Als Professor of Practice übernahm Häfliger eine leitende und didaktische Funktion am neu etablierten CAS ETH Infrastrukturbau-Management. Er schlägt eine wichtige Brücke zwischen der akademischen Forschung und der Bauindustrie.

Kapazitäten und Kompetenzen – dank positivem Umfeld

Der Schweizer Tunnelbau ist Weltklasse: Die Errungenschaften der Vergangenheit sind ein wichtiger Pfeiler des Verkehrssystems in Europa. Dafür sind attraktive und verlässliche Rahmenbedingungen auch in Zukunft unerlässlich.

Der Schweizer Tunnelbau steht für Präzision und Qualität. Dieses Image ist das Ergebnis nachhaltiger Investitionen, stabiler Rahmenbedingungen und qualifizierter Fachkräfte. Doch dieser Erfolg ist weder Zufall noch Selbstverständlichkeit.

Unser Verkehrssystem wird getragen von leistungsfähigen Strassen- und Eisenbahntunneln. Hinzu kommen weitere innovative Untertagbauten, etwa in der Wasserkraft. Gerade angesichts steigender Anforderungen an Mobilität, Verfügbarkeit und Sicherheit ist klar: Die Komplexität für unsere Branche nimmt weiter zu.

Gerade angesichts steigender Anforderungen an Mobilität, Verfügbarkeit und Sicherheit ist klar: Die Komplexität für unsere Branche nimmt weiter zu.

Wenn wir dieses Qualitäts- und Sicherheitsniveau halten wollen, sind wir gefordert. Es braucht ausreichend Kapazitäten – also sowohl genügend finanzielle als auch personelle Ressourcen – und Kompetenzen, um den Ansprüchen gerecht zu werden.

Die Finanzierung ist essenziell: Mit dem Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds (NAF) und dem Bahninfrastrukturfonds (BIF) verfügt die Schweiz über bewährte Instrumente. Diese Mittel müssen langfristig gesichert und konsequent eingesetzt werden.

Im Zentrum steht jedoch der Faktor Mensch. Wer qualifizierte Mitarbeitende gewinnen und halten will, muss attraktive Arbeitsbedingungen bieten: flexible Arbeitsmodelle und verlässliche Perspektiven sind entscheidend. Hier steht nicht nur die Branche in der Pflicht, sondern auch die Politik, die entsprechende Rahmenbedingungen ermöglichen muss.

Mit dem neuen Landesmantelvertrag und dem Anhang für Untertagbauten haben wir gemeinsam mit unseren Sozialpartnern einen wichtigen Schritt gemacht. Faire, marktgerechte Arbeitsbedingungen reichen jedoch nicht aus, wenn die strukturellen Herausforderungen nicht konsequent angegangen werden.

Wollen wir auch in Zukunft funktionierende Lebensadern für unsere Mobilität? Dann braucht es klare Prioritäten – in der Finanzierung, in der Ausbildung und bei den Arbeitsbedingungen. Starker Tunnelbau ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für ein leistungsfähiges Verkehrssystem und eine gesunde Volkswirtschaft.