«Projektfachleute Bau» sind die Antwort auf neue Anforderungen der Branche

Wie positioniert sich der neue Berufsabschluss «Projektfachmann/-frau Bau» in der Berufsbildungslandschaft? Eine wissenschaftliche Analyse zeigt: Der Abschluss schliesst eine wichtige Lücke zwischen klassischen Bauberufen und neuen Kompetenzanforderungen – und eröffnet gleichzeitig neue Perspektiven für Fachkräfte und Unternehmen.

Technologische und gesellschaftliche Entwicklungen beschäftigen das Bauhauptgewerbe. Besonders herausfordernd ist die zunehmende Dynamik, mit der diese Veränderungen eintreten. Wie kann die Aus- und Weiterbildungslandschaft der Branche damit umgehen?

Andreas Bühler liefert Antworten. Der frisch gebackene Doktor der Wirtschaftswissenschaften setzt sich am Swiss Leading House on Economics of Education an der Universität Zürich mit der Berufsbildung auseinander. Er geht unter anderem der Frage nach, wie die Bildung die für Innovation erforderlichen Fähigkeiten effektiv vermitteln kann. Dabei widmet er sich insbesondere auch der Bedeutung der Berufsentwicklung, also der Aktualisierung von Bildungsplänen und der darin enthaltenen Kompetenzen. Seine Erkenntnisse sind wertvoll sowohl für die kontinuierliche Weiterentwicklung von Berufen und Karrieren als auch für die Gestaltung von neuen Abschlüssen.

Schlanke Profile und stetige Weiterentwicklung

Seine Forschungsresultate zeigen, dass Bildungspläne nicht nur mit neuen Kompetenzen erweitert, sondern zugleich gezielt entschlackt werden müssen. Neue, zukunftsfähige Kompetenzen sollen also integriert und alte entfernt werden, damit aktualisierte Abschlüsse nicht einfach immer überladener werden. Stetige sprich häufigere Aktualisierungen im kleineren Umfang erzielen zudem bessere Arbeitsmarktergebnisse als sporadische grosse Würfe. Stets am Ball bleiben und Ballast abwerfen ist hier also die Devise.

Einbettung von IT-Kompetenzen

Die Ausrichtung auf die Zukunft sei wichtig. Laut Bühlers Forschungskolleginnen und -kollegen seien zum Beispiel IT-Kompetenzen bedeutend, müssten jedoch zielführend in die Ausbildung integriert werden. Sie sind ein Mittel zur Erfüllung einer Aufgabe und sollen daher in Kombination mit anderen «Skills» wie Budgetplanung oder Projektmanagement vermittelt werden. Dies wirkt sich positiv auf die Arbeitsmarktfaktoren wie die Beschäftigungswahrscheinlichkeit der Kandidatinnen und Kandidaten aus.

«Projektfachmann/-frau Bau» aus Sicht der Wissenschaft

Wie fügt sich der neue Berufsabschluss «Projektfachmann/-frau Bau» im Berufsbildungsuniversum ein? Im Auftrag des SBV hat Andreas Bühler das Qualifikationsprofil des neuen Berufes analysiert und innovative Methoden und Verfahren verwendet, um Erkenntnisse zu dessen Positionierung zu gewinnen.

Die Resultate zeigen, dass der Abschluss im Vergleich zu allen anderen Berufsbildungen in der Schweiz im Schnitt eher generalistisch ist. Innerhalb der Bauberufe positioniert er sich als Beruf mit klarer «Bau-DNA», jedoch mit mehr Nähe zu anderen Berufsfeldern im Vergleich zu (Kader-)Abschlüssen des Bauhauptgewerbes. Es zeigt sich, dass sich näherliegende Nachbarberufe nahezu in allen Richtungen befinden, insbesondere bei Zeichnern, technischen Kaufleuten und Informatikerinnen.

Nachbarberufe stammen zudem aus der Tech-Industrie. Ähnlich wie weitere Kaderberufe des Bauhauptgewerbes besitzt der Abschluss eine grosse Nähe zu den MEM-Berufen Polymechaniker, Automatiker und Produktionsmechaniker.

Innovativ in die Zukunft

Dieses Resultat aus der Forschung freut Christoph Gerber, den verantwortlichen Projektleiter beim SBV. Diese Positionierung kam jedoch nicht zufällig zustande. Der neue Berufsabschluss bekommt seinen festen Platz im Bauhauptgewerbe: nah an klassischen Bauberufen, zugleich eigenständig genug, um eine Brücke zwischen Baustelle, Büro und Digitalisierung zu schlagen. Technische, administrative und digitale Kompetenzen werden erstmals gezielt gebündelt. So entsteht aus bisher ungenutztem Potenzial ein klares Berufsbild mit definierter Rolle. Gleichzeitig eröffnet der Beruf Fachpersonen als Quereinsteiger neue Perspektiven im Bauhauptgewerbe und erweitert die Rekrutierungsbasis der Unternehmen. Das Bauhauptgewerbe zeigt mit dem neuen Berufsabschluss exemplarisch, wie mit neuen Ausbildungsangeboten rasch auf neue Herausforderungen im Markt reagiert wird.

Das Swiss Leading House VPET-ECON ist ein vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) finanziertes Forschungszentrum unter der Leitung von Prof. Dr. Uschi Backes-Gellner (Universität Zürich) und Prof. Dr. Stefan C. Wolter (Universität Bern). Der Fokus liegt auf der ökonomischen Berufsbildungsforschung in der Schweiz. Der Wissenstransfer in die Praxis wird durch eine Reihe von Netzwerk- und Transferaktivitäten wie Newslettern, Policy Briefs und Podcasts sowie durch Beratungsangebote sichergestellt.