«Es ist wichtig, junge Leute auszubilden»

Timo Gisi und Andrin Schmid.

Wie kommt die revidierte Grundbildung Maurer/in EFZ und EBA bei den Lehrbetrieben und den Lernenden an? Timo Gisi und Andrin Schmid von der Karl Gisi AG geben im Doppelinterview Auskunft.

Timo Gisi, seit einem Jahr wird die revidierte berufliche Grundbildung Maurer/in EFZ und EBA schweizweit umgesetzt. Wie fällt Ihr erstes Fazit aus – sowohl aus der Sicht eines Lehrbetriebs als auch aus Ihrer Funktion als Präsident der SKBQ (Schweizerische Kommission für Berufsentwicklung und Qualität) und neu der AKüK (Aufsichtskommission für überbetriebliche Kurse)?
Timo Gisi: Als positiv werte ich, dass die Ausbildung praxisnaher geworden ist. Die Umstellung auf die Handlungskompetenzorientierung stellte allerdings eine Herausforderung dar. Für die SKBQ und die AKüK brachte diese Umstellung grosse Veränderungen mit sich, die bewältigt werden mussten. Das gilt es ungefähr alle 15 Jahren im Zuge von Reformen zu leisten. Der Vorteil für mich liegt im Umstand, dass so alle Mitglieder der Trägerschaft näher zusammengebracht wurden und dass das gegenseitige Verständnis gewachsen ist.

Andrin Schmid, gibt es etwas in Ihrer Ausbildung, das Ihnen besonders gefällt oder das beim Lernen hilft – sei es im Lehrbetrieb, in der Berufsfachschule oder im überbetrieblichen Kurs? 
Andrin Schmid: Zuerst möchte ich festhalten, dass mir alles an meiner Lehre Maurer EFZ sehr gut gefällt! Man sieht abends, was man gemacht hat. Zudem freut es mich, dass ich schon selbständig Arbeiten realisieren kann. Auf der Baustelle setzen wir Aufträge um, in der Berufsfachschule und in den überbetrieblichen Kursen üK schauen wir es nochmals an, so dass ich am Schluss ganz genau verstehe, warum etwas so und so gemacht wird. Das ist sehr hilfreich.

Timo Gisi, welche Veränderungen nehmen Sie im Ausbildungsalltag Ihres Betriebs wahr? Gibt es Elemente der neuen Ausbildung – beispielsweise die stärkere Handlungskompetenzorientierung, die Praxisaufträge oder die engere Zusammenarbeit der drei Lernorte – die sich besonders bewährt haben? 
Timo Gisi: Lehrbetriebe müssen sich aktuell viel stärker überlegen, wie die Ausbildungsplanung auszusehen hat, und sie müssen diese mit den anderen beiden Lernorten, also den Berufsfachschulen und den üK-Kursen, koordinieren. Die Karl Gisi AG setzt seit 15 Jahren konsequent auf die Ausbildung von Lernenden und nimmt das Thema sehr ernst. Für uns ergaben sich daher bloss marginale Änderungen, weil wir schon vorher der Lehrplanung einen hohen Stellenwert eingeräumt hatten. Als sehr positiv erachte ich den neu hohen Praxisbezug. Gelehrt wird, was tatsächlich auf der Baustelle angewendet wird. Wir von der Karl Gisi AG zeigen unseren Lernenden das ganze Spektrum unseres Handwerks, also das Schalen, das Armieren und das Mauern. Unsere Philosophie ist es, dass wir keine Arbeiten an Unterakkordanten vergeben. Für unsere Lernenden wäre es enttäuschend, zu sehen, dass schöne Arbeiten aus Preisgründen auswärts vergeben werden. So könnten sie keinen Berufsstolz entwickeln. Die stärkere Handlungskompetenzorientierung erachte ich als wichtig. Früher hatte man Tagesrapporte, heute bekommt der Lernende die Aufgabe, ein Bauteil zu erstellen. Er muss sich überlegen, was er dazu braucht, welche Werkzeuge und welches Baumaterial, und wie die Herstellung klappen könnte. Das bedeutet, dass der Lernende Eigenverantwortung übernehmen muss, was positiv ist. Die drei Ausbildungsstätten arbeiten tatsächlich enger zusammen. Die Schulen müssen sich mit den üK absprechen, was wann behandelt wird.

Andrin Schmid, fühlen Sie sich durch die Ausbildung gut auf den Berufsalltag vorbereitet?
Andrin Schmid: Ja, absolut. Konkret habe ich in den üK das Schalen und das Eisenbinden gelernt und konnte dann beides auf der Baustelle anwenden. Auch das Lesen von Plänen wurde mir in den üK aufgezeigt. Diese Fähigkeit brauche ich für meine Arbeit auf der Baustelle. Durch das Mauern in den üK konnte ich mein Tempo bei dieser Arbeit klar steigern.

Timo Gisi, welche Rückmeldung erhalten Sie von Berufsbildnerinnen und Berufsbildnern?
Timo Gisi: Nicht für alle, aber für einige war die EDV-Umstellung schwierig. Das neue System Time2learn stellte für viele Berufsbildnerinnen und Berufsbildner eine grosse Herausforderung dar. Einige kritischen Stimmen meinten, es sei aufwändig, den Maurerinnen und Maurern EBA Handlungskompetenzen zu vermitteln. Aber so ist die Möglichkeit eines anschliessenden Abschlusses EFZ garantiert. Allerdings muss ich sagen, dass ich bisher nicht viele Rückmeldungen hatte.

Timo Gisi, die Zusammenarbeit zwischen Lehrbetrieb, Berufsfachschule und überbetrieblichen Kursen wurde im Rahmen der Revision gezielt gestärkt. Wie erleben Sie dieses Zusammenspiel heute in der Praxis, und welchen Nutzen bringt es den Lernenden? 
Timo Gisi: An allen drei Lernorten wird das Gleiche gelehrt. Der oder die Lernende profitiert so von einem aufeinander abgestimmten Lernprogramm. Die Lernorte Lehrbetrieb und überbetriebliche Kurse arbeiten alle mit der gleichen Lernplattform (Time2Learn). Ich selbst hätte mir eine noch stärkere Zusammenarbeit gewünscht, aber die Berufsschulen sind kantonal geführt, was die Koordination erschwert. Aber es gibt einen roten Faden durch die Maurerlehre EFZ und EBA und das ist gut so.

Ein wichtiges Ziel der Revision war es, die Attraktivität des Maurerberufs zu steigern und die Arbeitsmarktfähigkeit der zukünftigen Fachkräfte langfristig zu sichern. Glauben Sie, dass dies erreicht wurde?
Timo Gisi: Um das beurteilen zu können, ist es noch zu früh. Die Lernendenzahlen sind immer noch zu tief. Eine wichtige Rolle spielt dabei nicht zuletzt die Kultur auf der Baustelle. Was klar attraktiver geworden ist, ist die Ausbildung Maurerin/Maurer EBA, weil eine Durchlässigkeit zum Maurerin/Maurer EFZ garantiert ist. Niemand muss mehr Bedenken haben, mit einer Maurerlehre EBA zu starten, weil die Möglichkeit besteht, die Lehre EFZ anzuhängen. Das beruhigt auch die Eltern. Es gibt Schulabsolventen, für die der längere Weg der richtige ist.

Timo Gisi, wenn Sie heute gegenüber Bildungsverantwortlichen von Bauunternehmen, die noch gegenüber der neuen Grundbildung unsicher sind, eine Botschaft mit auf den Weg geben könnten: Welche wäre das? 
Timo Gisi: Go for it! Es ist für Bauunternehmen sehr wichtig, junge Leute auszubilden. Sie können so die eigene Kultur mitgeben und sichern sich den Fachkräftenachwuchs. Die Zeit, die man für das Ausbilden aufwenden muss, ist sehr gut investiert. Lernende zu betreuen ist aber nicht nur sinnvoll, es macht auch eine extreme Freude! Ich selbst mache das leidenschaftlich gerne. Was es braucht, ist der Mut, sich zu bewegen, und man muss Vertrauen in die heutige Jugend haben. Aber ich bin überzeugt, dass sowohl die jetzige als auch die künftige Jugend dieses Vertrauen voll und ganz verdient hat.

Andrin Schmid, welche Botschaft möchten Sie künftigen Lernenden mitgeben?
Andrin Schmid: Sie sollen keine Angst haben, eine Lehre Maurer EFZ zu wählen, wenn sie gerne draussen arbeiten. Wer in den üK und in der Schule aufpasst, hat keine Probleme auf der Baustelle. Und die Arbeit auf dem Bau, die macht Freude!

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