«Der LMV schafft unternehmerische Spielräume ohne Zwänge»

Der neue Landesmantelvertrag (LMV) ist nach intensiven Verhandlungen unter Dach und Fach. Er entspricht den Bedürfnissen der Unternehmen und der Mitarbeitenden. Bernhard Salzmann, Direktor des SBV, erläutert in einem Interview die Vorteile für kleine und mittlere Betriebe?

Warum ist der neue LMV so wichtig für die Branche und insbesondere für kleine und mittlere Betriebe?

Weil er drei zentrale Verbesserungen bringt, die heute für Bauunternehmen jeder Grösse entscheidend sind: Stabilität und Planungssicherheit, mehr Flexibilität für Unternehmen und Mitarbeitende sowie eine faire Verteilung der Risiken bei gleichzeitig gestärkter Friedenspflicht. Ganz konkret: keine jährlichen Lohnverhandlungen, keine Überraschungen und geteilte Risiken bezüglich Teuerung. Wer heute kalkuliert, weiss frühzeitig, was auf ihn zukommt. Zusammen sorgen diese Elemente dafür, dass der Bau attraktiv bleibt für Fachkräfte, für Investitionen und für einen fairen Markt.

Sie betonen die Stabilität immer wieder, was bedeutet das konkret?

Der neue LMV bedeutet sechs Jahre Vertragssicherheit. Das bringt Ruhe ins System. Unternehmen können langfristig planen, kalkulieren und ihre Mitarbeitenden frühzeitig informieren. Gerade in einer Branche mit grossen Projekten und langen Vorlaufzeiten ist diese Verlässlichkeit ein Vorteil.

Bleibt die jährliche Teuerung unter 2%, sieht der neue LMV vor, dass es bis 2031 keine jährlichen Lohnverhandlungen gibt.

Wir haben diese lange Frist bewusst gewählt. Aus meiner Sicht ist das ein starker Ausdruck von Verantwortung auf beiden Seiten. Man darf nicht vergessen: Im Bauhauptgewerbe haben wir bereits sehr hohe Mindest- und Effektivlöhne sowie sehr gute Arbeitsbedingungen, gerade auch im Branchenvergleich. Die Stabilität gibt den Firmen und den Mitarbeitenden Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: gute Arbeit, sichere Arbeitsplätze und eine funktionierende Branche.

Wo zeigen sich die Vorteile der Planungssicherheit?

Zum Beispiel bei der klar geregelten Teuerungsmechanik oder der Reisezeitregelung. Die Anpassungen sind definiert, transparent und frühzeitig bekannt. Unternehmen wissen rechtzeitig, was auf sie zukommt, und können das sauber in ihre Lohnsysteme und Budgets integrieren. Insbesondere bei der Reisezeit haben wir eine Lösung gefunden, die als allgemein verbindlich erklärt werden kann. Sie beseitigt jahrelange Unsicherheiten. Kleine Betriebe können mit einer pauschalen Lösung arbeiten, wie sie das teilweise heute schon tun, ohne Angst, dass das später infrage gestellt wird. Das spart Zeit, Diskussionen und Nerven.

Flexibilität ist ein Thema, das sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmende beschäftigt. Was hat sich hier im LMV verbessert?

Sehr viel, denn der Vertrag schafft unternehmerische Spielräume ohne Zwänge, im Vordergrund steht «können» und nicht «müssen». Wer eingespielt ist mit seinen Leuten und keine Umstellungen will, kann so weiterarbeiten wie bisher. Wer mehr Flexibilität nutzen will, bekommt neue Möglichkeiten. Ein gutes Beispiel ist das Langzeitferienkonto. Überzeit muss nicht mehr zwingend zu einem fixen Stichtag ausbezahlt werden, sondern kann flexibel angespart und später als Zeit kompensiert werden. Das entspricht genau dem, was viele Mitarbeitende heute wünschen: mehr Selbstbestimmung über ihre Zeit nach der Arbeit, mehr Zeit für Familie, Freunde und Hobbies.

Für wen ist diese Flexibilität besonders relevant?

Für beide Seiten. Für Unternehmen, weil sie Arbeitszeiten besser an die Auftragssituation anpassen können. Und für Mitarbeitende, beispielsweise wenn sie längere Aufenthalte in ihrer Heimat planen oder andere private Projekte haben. Solche Modelle machen den Bau als Arbeitgeber attraktiver und sind ein wichtiger Trumpf im Wettbewerb um Fachkräfte.

Sie sprechen die fehlenden Fachkräfte an. Hilft der LMV, die aktuelle Situation zu entschärfen?

Wir haben die Verhandlungen auch aus der Perspektive geführt, wie wir Fach- und Arbeitskräfte gewinnen und halten können. Die Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle, der Wegfall starrer Regelungen und zusätzliche Optionen bei der Zeitkompensation sind klare Pluspunkte. Der LMV hilft, den Bau als moderne und verlässliche Branche zu positionieren. Er gibt Baufirmen zusätzliche Argumente auf dem Arbeitsmarkt.

SBV

Müssen sich kleinere Betriebe nun auf grosse Umstellungen einstellen?

Nein, und das ist ein ganz wichtiger Punkt. Der Vertrag ist kein Zwangskorsett. Wer mit den bisherigen Modellen gut fährt, kann diese weitgehend weiterführen. Gleichzeitig gibt es neue Optionen für Betriebe, die mehr Flexibilität nutzen wollen. Unser zentrales Bestreben in den Verhandlungen war, dass der LMV für KMU praxistauglich bleibt und keine unnötige Komplexität schafft.

In Ihrer Wertung des LMV sprechen Sie auch von der Verteilung der Risiken. Wieso ist diese so wichtig?

Neu ist, dass das Teuerungsrisiko fair aufgeteilt wird. Niemand weiss heute, wie sich die Inflation in den nächsten Jahren entwickelt. Deshalb ist es richtig, dass nicht nur eine Seite – die Unternehmen – das Risiko alleine trägt. Der Vertrag schafft hier eine ausgewogene Lösung, die beiden Seiten Rechnung trägt.

Wie hat sich die SBV-Delegation vorbereitet? Woher wussten Sie, was für die Branche wichtig ist?

Wir haben im Vorfeld ausführlich mit einer Arbeitsgruppe aus Unternehmerinnen und Unternehmern sowie Personalverantwortlichen von kleinen bis grossen Betrieben gearbeitet. Die so erarbeiteten Bedürfnisse haben wir in einer branchenweiten Umfrage gespiegelt. Uns ging es in den Verhandlungen um reale Fragen aus dem Alltag: Was funktioniert? Wo klemmt es? Was bringt unnötigen Aufwand?

Und was haben Ihnen die Unternehmen am häufigsten gespiegelt?

Dass sie Flexibilität und Planbarkeit wollen, aber keine zusätzliche Komplexität. Viele Probleme entstanden nicht wegen fehlendem Willen, sondern wegen zu starrer Regeln. Doch was unter Flexibilität in der Mehrheit verstanden wird, musste zuerst sauber herausgearbeitet werden. Genau dort haben wir angesetzt und gezielt Verbesserungen verhandelt.

Während Sie am Tisch verhandelten, wurde die Friedenspflicht seitens der Gewerkschaften mehrfach gebrochen …

Ein sensibles Thema, weil geordnete Verhältnisse und vertragstreues Verhalten wichtige Grundvoraussetzungen für jede funktionierende Sozialpartnerschaft sind. Gewalt durch Gewerkschafter, die Bedrohung von Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter sowie Sachbeschädigungen an Streiktagen sind mit der Friedenspflicht im LMV definitiv nicht vereinbar. Der neue LMV stärkt die Friedenspflicht deutlich. Bei Verstössen kann künftig rascher und wirksamer reagiert werden, indem Strafzahlungen seitens der Gewerkschaften direkt fällig werden. Das schützt Betriebe, Mitarbeitende und Projekte gleichermassen.

Was bedeutet diese Stärkung der Friedenspflicht für die Zukunft?

Sie ist ein klares Signal: Konflikte gehören an den Verhandlungstisch und gewalttätige Ausschreitungen haben keinen Platz. Das schafft Vertrauen und Sicherheit. Davon profitiert die ganze Branche von klaren Regeln und deren konsequenter Durchsetzung, letztlich auch die Bauherren.

Zum Schluss: Was ist aus Ihrer Sicht die übergeordnete Bedeutung dieses LMV?

Der neue LMV ist kein theoretisches Konstrukt, sondern ein Werkzeug für den Alltag. Er bringt Stabilität, lässt Spielraum, aber zwingt niemanden zu Veränderungen in der Arbeitsorganisation. Der Vertrag bringt dem Bau für mehrere Jahre Ruhe und Perspektiven. Das ist nicht nur für die Branche wichtig, sondern auch für die Schweiz als Ganzes, gerade mit Blick auf den dringenden Handlungsbedarf beim Wohnungsbau und in der Infrastruktur.