Die unsichtbare KI-Baustelle

Laptop mit KI-Software als Symbol für Digitalisierung und strukturierte Daten in der Schweizer Baubranche.

Obwohl es immer mehr Tools mit künstlicher Intelligenz (KI) in der Baubranche gibt, gelingt es nur wenigen Unternehmen, sich deren Potenzial zunutze zu machen. Warum? 

Automatische Schätzungen, Unterstützung bei Ausschreibungen, Texterstellung und Dokumentanalyse: Die KI macht viele Versprechungen. Allerdings ziehen über erste Tests hinaus immer noch wenige Unternehmen einen echten Vorteil daraus. Moritz Lüscher, Leiter Digitalisierung beim Schweizerischen Baumeisterverband (SBV), sieht das wahre Problem nicht bei der Technologie an sich. «Die grösste Hürde für KI im Schweizer Bauwesen sind nicht zu wenige Tools, sondern der Zustand der Daten.»

Das Problem liegt auf zwei Ebenen. Zum einen verfügen viele Unternehmen noch nicht über genügend strukturierte interne Daten: Basisdaten, Aufmasse, Projektarchivierung oder Kostenanalysen sind oft unstrukturiert oder gar nicht systematisch erfasst. Ohne strenge Organisation können KI-Tools ihr volles Potenzial nicht entfalten. «In unsere Workshops kommen Unternehmen, die auf der Baustelle professionell arbeiten, deren Projektdaten aber auf einen USB-Stick und in drei E-Mailfächer passen. Das ist vor allem eine Frage des Managements, nicht der Informatik», so Moritz Lüscher.

Zum anderen basieren die meisten Branchendaten auf Textbeschreibungen, wie etwa die NPK-Logik aus der Schweizer Offerten-Tradition, und diese werden von Algorithmen kaum verlässlich interpretiert. «Die KI kann Daten, die spezifisch für das Lesen durch Menschen gedacht sind, nicht effizient verarbeiten», betont Moritz Lüscher.

Klares Fazit: Unternehmen, die sich KI schon jetzt zunutze machen, verwenden nicht unbedingt das beste Tool, sondern haben ihre Daten bereits in Ordnung gebracht.

Der SBV ist an beiden Fronten aktiv

Mit Construix bietet der SBV einen digitalen Assistenten auf Basis strukturierter und validierter Inhalte. Gleichzeitig können KMU dank einer Workshopreihe den Schritt vom Testen hin zu einer produktiven Nutzung machen.

Langfristig setzt die Branche zudem auf Ausschreibungen, die mit den Open-BIM-Standards kompatibel sind. So sollen die für eine funktionsfähige KI nötigen Datenbanken entstehen.

Wo anfangen? Drei konkrete Massnahmen

Klassifizierung vereinheitlichen.

Dieselbe Struktur auf allen Baustellen und in allen Teams einführen, statt dass jeder Projektleiter eine eigene Struktur verwendet.

Aufmasse und Bezeichnungen standardisieren.

Kategorien, Einheiten und Bezeichnungen einmal definieren und bei jeder Offerte verwenden, statt sie bei jedem Projekt neu zu erfinden.

Nachkalkulation systematisieren.

Die tatsächlichen Kosten jeder Baustelle im System nachtragen. Dieser Erfahrungswert führt in Zukunft zu präziseren Offerten – mit oder ohne KI.