Mit dem digitalen Baustoffpass kommt ab 2027 ein neues Marktzulassungskriterium, das die Schweizer Baubranche verändern wird. BIM-Experte Adrian Wildenauer sagt, warum strukturierte Daten über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
Produktinformationen liegen meistens als PDF-Datenblätter, E-Mailanhänge oder in einzelnen Portalen vor, entsprechend mühsam ist es für Planer, Bauunternehmer und Bauherrschaften, ihre Informationen zusammenzusuchen, was Ressourcen bindet und Geld kostet. «Es wird wichtiger, dass Produktangaben nicht nur vorhanden sind, sondern vergleichbar und nachweisbar: Umweltkennwerte, Inhaltsstoffe, Leistungsdaten oder Hinweise für Rückbau und Wiederverwendung», sagt Doktor Adrian Wildenauer, der mit seiner Firma Wildenauer ExpertEASE als Gutachter für BIM tätig ist und Expertisen für Gerichte, private und öffentliche Bauherren sowie Unternehmer erstellt. Der digitale Baustoffpass macht Produktdaten standardisiert, maschinenlesbar und über den Lebenszyklus nutzbar. «Der digitale Baustoffpass ermöglicht, Produkte in Ausschreibungen schneller zu vergleichen, Varianten fundierter zu bewerten und im Betrieb oder beim Rückbau auf verlässliche Informationen zuzugreifen.» Der Pass ist für Wildenauer nicht bloss ein weiterer QR-Code, sondern eine Grundlage dafür, dass Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Compliance effizient umgesetzt werden können.
Von der EU abhängig
Ab wann wird der digitale Baustoffpass Pflicht? «Für die Schweiz ist weniger ein nationaler Stichtag entscheidend, sondern die Entwicklung in der EU. Dort wird der digitale Produktpass schrittweise, je nach Produktgruppe, zu einem knallharten Marktzulassungskriterium», sagt Wildenauer. Für Bauprodukte geht er davon aus, dass die Verbindlichkeit ab Ende 2027 / Anfang 2028 startet und danach stetig ausgebaut wird. Der Baustoffpass wird laut Wildenauer innerhalb der Baubranche eine Verschiebung zu datenbasierter Planung, Beschaffung und Bewirtschaftung auslösen. «Produktdaten werden zur Währung: Wer strukturierte, vollständige und aktuelle Informationen liefern kann, wird einfacher ausgeschrieben, schneller freigegeben und besser vergleichbar.» Mittelfristig profitieren auch Betrieb und Rückbau: Informationen für Wartung, Ersatz, Trennung und Wiederverwendung werden leichter zugänglich und konsistenter. Wildenauer erinnert an das Wohnhochhaus Grenfell Tower in London, bei dem brennbare Fassadenplatten verbaut wurden und das 2017 eine der grössten Brandkatastrophen in der jüngeren Geschichten Englands auslöste. «Bis heute weiss man nicht, wo diese noch verbaut wurden.»
Mit einem Pilotprojekt starten
Die Herausforderungen beim digitalen Baustoffpass liegen bei Standardisierung und Qualität. «Er nützt nur, wenn die Daten interoperabel sind, also nicht jedes Portal, jede Firma, jeder einzelne Marktbegleiter seine eigene Logik hat.» Dazu kommen Fragen der Datenvalidierung (wer bestätigt Umwelt- oder Inhaltsstoffdaten?), der laufenden Pflege (Produktvarianten, Rezepturänderungen, neue Nachweise) und des Schutzes von Geschäftsgeheimnissen. Für KMU sei relevant, dass der Einstieg bezahlbar und organisatorisch machbar bleibt. Sie sollten, so der Experte, nicht mit dem «perfekten Endzustand» starten, sondern mit einem Pilotprojekt. Bewährt habe sich, zuerst eine oder zwei Produktgruppen zu wählen und ein Minimum an Datenfeldern aufzubauen: eindeutige Identifikation, technische Kerndaten, Konformität/Leistung, Umweltinformationen (zum Beispiel EPD), relevante Inhaltsstoffe sowie Einbau- und Rückbauhinweise. Diese Informationen liegen vor, meist in unterschiedlichen Systemen und Excel-Listen. Wildenauer: «Die Arbeit besteht darin, diese Infos aus Dokumenten heraus strukturiert und versioniert abzulegen. Wenn der Pilot mit einer konkreten Ausschreibung oder einem EU-Kundenfall funktioniert, kann man schrittweise skalieren: Weitere Produkte, höhere Automatisierung und Systemintegration.»