Der Masterplan «SBV-Berufsbildung 2030» modernisiert die Aus- und Weiterbildung im Bauhauptgewerbe. Drei Mitglieder der Steuergruppe äussern sich dazu.
Der Masterplan «SBV-Berufsbildung 2030» bündelt die wichtigsten Neuerungen und Verbesserungen in der Berufsbildung des Bauhauptgewerbes. Er betrifft die Grundbildung, die höhere Berufsbildung und die Weiterbildung. Ziel ist, junge Berufsleute auszubilden, um genügend gut qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen, in der Branche zu halten und weiterzuentwickeln.Drei Mitglieder der Steuergruppe Masterplan «SBV-Berufsbildung 2030» blicken auf den Stand der Arbeiten Sie kommen aus drei Sprachregionen und zeigen, was die Neuerungen für Betriebe, Schulen, üK-Zentren und Kursanbieter konkret bedeuten. Ihre gemeinsame Überzeugung: Als Branche muss man gemeinsam nach Lösungen suchen. Gleichzeitig bleibt die regionale Arbeit wichtig.
Geri Moser
Stand der Umsetzung
«Die Umsetzung des Masterplans hat zwei Seiten. Auf der einen Seite Neuerungen in der Berufsbildung und ihre Weiterentwicklung. Auf der anderen Seite steht die Arbeit in den Betrieben und den Schulen, in der Grundbildung wie auch in den üK-Zentren. Mein Gesamturteil fällt positiv aus: Die Berufsbildung im Bauhauptgewerbe entwickelt sich, und zwar unter der engagierten Beteiligung aller Partner. Wichtig ist, dass wir gemeinsam noch besser verstehen, weshalb wir diese Entwicklungen machen. Wir wollen in den Betrieben positive Wirkung entfalten.»
Gewinnen, halten, entwickeln
«Unter diesem Gesichtspunkt müssen wir das Aus- und Weiterbildungssystem denken: Lernende, Arbeitskräfte und Fachkräfte gewinnen, halten und entwickeln. Wir verlieren nach wie vor zu viele ausgebildete Leute, sowohl nach der Grundbildung als auch nach der höheren Berufsbildung. Heute ist das Karrieresystem durchgehend und konsequent organisiert. Die Karrierewege bauen aufeinander auf, vom Maurer EBA über den Maurer EFZ bis in die höhere Berufsbildung, genau gleich ist die Abstimmung auch bei den Berufen des Infrastrukturbaus. Dass diese Karrierewege aufeinander aufbauen, ist eine grosse Stärke unserer Branche.»
Berufsmarketing als Bewegung
«Ich habe mich im letzten Jahr verstärkt damit auseinandergesetzt, wie wir unsere Berufe bekannt machen. Wir sollten unser Tun radikal auf den Prüfstand stellen. Nicht Dinge tun, weil sie uns gefallen, sondern weil sie helfen, Lernende, Arbeitskräfte und Fachkräfte zu gewinnen, zu halten und weiterzuentwickeln. Wir müssen noch stärker gemeinsam für unsere Branche einstehen. Unsere Berufe bekannt zu machen, soll zu einem gemeinsamen Anliegen werden. Das gelingt nur, wenn alle Partner auf allen Ebenen zusammenarbeiten: SBV, Sektionen, Fachgruppen, Schulen, üK-Zentren und Betriebe.»
Der Arbeitsplatz als wichtigster Lernort
«Ein besonderes Anliegen ist mir, dass in den Betrieben ausgebildet und gelernt wird. Sowohl in der Grundbildung als auch in der höheren Berufsbildung ist der Arbeitsplatz der wichtigste Lernort. Wer im Betrieb bewusst ausbildet und begleitet, stärkt die Bindung der Mitarbeitenden und die Treue zur Branche. Das zahlt sich doppelt aus: Die Leute lernen besser, und sie bleiben. Genau darum lohnt es sich, in eine gelebte Ausbildungskultur zu investieren.»
Neuer Beruf: Projektfachleute Bau
«Wir müssen Augen und Ohren offen halten für neue Bedürfnisse und mit Veränderungen Schritt halten. Ein Beispiel: Aufgrund des klaren Bedarfs der Branche wurde der neue Beruf Projektfachmann/-frau Bau mit eidgenössischem Fachausweis entwickelt. Projektfachleute Bau wirken an der Schnittstelle von Bauadministration und Bauführung. Sie entlasten die Bauführung im Alltag. Mit der einstimmigen Zustimmung der SBV-Delegierten im Mai 2026 ist der neue Beruf auf der Zielgeraden. Nun ist das Feld offen und erste Schulen haben bereits mit der Entwicklung von Vorbereitungskursen begonnen. Die ersten Abschlüsse werden 2029 erwartet.» Diese Ausbildung, war zu Beginn des Masterplans noch kein Bestandteil. Wir zeigen damit, was eine gute, partnerschaftliche Zusammenarbeit ermöglicht.»
Paolo Cattoni
Am Ball bleiben
«Die Neuerungen fordern alle Beteiligten stark, in der Grundbildung wie in der höheren Berufsbildung: die Betriebe, die Bildungsanbieter und auch die Lernenden und Kandidaten. Wichtig ist, dass wir am Ball bleiben und das Ganze lebendig halten. Die Zusammenarbeit zwischen Verband, Schulen und Kommissionen ist dabei zentral. Wenn alle Partner an einem Tisch sitzen, entsteht eine laufende Verbesserung. Die Art wie die Neuerungen eingeführt und begleitet werden ist zentral für das Gelingen der Reform.»
Systemumstellung bei den Bauführern
«In der höheren Berufsbildung sind die Reformen bei den Vorarbeitern, Polieren und Baumeistern gut angelaufen. Dort ist das Vorgehen geübt. Bei den Bauführern kam die Systemumstellung hinzu: vom reinen Schulsystem zum eidgenössischen Prüfungssystem. Das hat die Unternehmer, die Schulen und die Kandidaten stark gefordert. Die erste Prüfung in der Deutschschweiz und der Romandie ist nun vorbei, mit einer Erfolgsquote von rund 60 Prozent. Nächstes Jahr kommt das Tessin hinzu. Die Umstellung ist auf gutem Weg.»
Was Kandidaten erfolgreich macht für die Bauführer-Ausbildung
«Erfreulich ist: Es gelingt allen Schulen der Bauführer-Vorbereitungskurse, Absolventen in die Top-Ergebnisse zu bringen. Die Kandidatenbefragung zeigt zudem, wie wichtig die am Arbeitsplatz erworbenen Kenntnisse für den Lernerfolg sind. Vor allem das Nutzen eines Götti-Systems im Betrieb macht Kandidaten erfolgreich. Das Lernen im Betrieb ist heute das zentrale Element der Ausbildung und gewinnt laufend an Bedeutung. Diesen Umstand müssen wir noch stärker hervorheben. Bei den Vorarbeitern, Polieren und Baumeistern ist das gleiche Vorgehen bereits etabliert. Dort sieht man: Es funktioniert.»
Es braucht beide Lernorte
«Eine Befragung von Bauführer-Kandidaten und Bildungsanbietern zeigt, dass die Erwartungen zusammenpassen: Schule und Betrieb ergänzen sich. Das sehen auch die Unternehmer so. Es braucht definitiv beide Orte zum Lernen. Entscheidend ist, wo Fähigkeiten und Wissen erworben werden: Ein grosser Teil entsteht im Betrieb, ergänzt durch soziales Lernen und die Schule. Als Orientierung gilt: rund 70 Prozent im Betrieb, 20 Prozent im sozialen Lernen und 10 Prozent in der Schule. Das Unternehmen ist damit ein zentraler Ort für den Aufbau von Fähigkeiten und Wissen. Die Betriebe tragen die Ausbildung von Kader und Baustellenkader entscheidend mit.»
Eine Investition, die sich auszahlt
«Dieser Einbezug in die Ausbildung der Fachkräfte von morgen ist eine Investition in den Nachwuchs, die sich auszahlt. Mit einer guten Begleitung sind Mitarbeitende besser vorbereitet auf ihre neue, anspruchsvolle Aufgabe. Sie sind schneller produktiv einsetzbar und wachsen besser in die Funktion hinein. Und sie lernen betriebsspezifische Eigenheiten wie Kultur, Arbeitsweisen und Abläufe bereits während der Ausbildung kennen.»
Massimo Cereghetti
Gemeinsam den Bedarf abholen
«Mit dem Masterplan haben wir grossen Wert daraufgelegt, welche Fähigkeiten und welches Wissen die Unternehmen brauchen. Das hat in der Branche für intensive Diskussionen gesorgt und viel Austausch verlangt. Gut war, dass dies immer gemeinsam geschah, unter Einbindung aller Sprachregionen und aller Anspruchsgruppen. Genau das ist für mich die zentrale Botschaft: Als Branche müssen wir gemeinsam nach Lösungen suchen. Gleichzeitig bleibt die regionale Arbeit wichtig, denn gelebt wird die Bildung vor Ort.»
Einheitlicher Standard, regionale Umsetzung
«Nun erfolgt die Umsetzung. Besonders in der Grundbildung geschieht dies in den Regionen, wie es unser föderales System vorsieht. Die Situation vor Ort und die regionalen Kulturen prägen, wie das Ganze gelebt wird. Die gemeinsame Grundlage ist einheitlich, aber letztlich prägt die Arbeit in den Betrieben die Umsetzung. Wichtig ist, dass sich die Arbeitsgruppen des SBV, zusammengesetzt aus allen Regionen und Anspruchsgruppen, auf gemeinsame Standards geeinigt haben. Das System sieht vor, dass in allen Betrieben mindestens 5 Prozent der Arbeitszeit eines Berufsbildners für die Lernenden einzusetzen sind.»
Time2Learn als gelebter Standard
«Mit Time2Learn haben wir für die Praxisaufträge und die Ausbildung im Betrieb einen gemeinsamen Standard vorgelegt, dem sich alle Maurerlehrhallen freiwillig anschliessen konnten. Time2Learn unterstützt Betriebe und Lernende dabei, Praxisaufträge zu planen, zu dokumentieren und den Lernstand sichtbar zu machen. Heute wird fast überall in der Schweiz damit gearbeitet. Die Plattform digitalisiert die Ausbildung, reduziert den administrativen Aufwand und macht den Lernstand jederzeit sichtbar, auch direkt auf der Baustelle. Die Umsetzung zeigt, wie gut die entwickelten Praxisaufträge und Handbücher auf die Realität in den Betrieben zugeschnitten sind.»
Drei Sprachregionen, ein Lehrmittel
«Besonders freut mich, dass es gelungen ist, ein einheitliches Lehrmittel für die Berufsfachschulen zu entwickeln. Es wird in der Romandie, in der Deutschschweiz und im Tessin eingesetzt. Damit arbeiten alle drei Sprachregionen mit demselben Ausbildungskonzept. Die Unterlagen können trotzdem an regionale Bedürfnisse angepasst werden. Und die Lehrpersonen entwickeln die Unterlagen selbst laufend weiter. Das ist gelebte Zusammenarbeit über die Sprachgrenzen hinweg.»
Kontinuierliche Verbesserung statt Grossprojekte
«Mir ist wichtig, dass wir jährlich evaluieren, was gut läuft und wo es Verbesserungspotenzial gibt. Die Kernidee des Masterplans sieht nämlich ein dauerhaftes Engagement im Bildungsbereich vor. Wenn alle Beteiligten laufend Verbesserungen einbringen, wird der Aufwand für alle kleiner. Dann braucht es das nächste Mal keine so grossen Projekte mehr. Die Berufsbildung ist das wichtigste Instrument der Branche, um genügend gut ausgebildete Fachkräfte selbst zu entwickeln: gewinnen, halten, entwickeln.»
Branchenzertifikate: Schritt halten mit der Entwicklung
«Auch in der Weiterbildung sind wir einen Schritt weiter. Mit den Branchenzertifikaten des SBV können wir rasch und bedarfsgerecht auf neue Anforderungen reagieren. Der Pilotkurs «Aktualisierung Baupolier/in 2030» führte der Campus Sursee erfolgreich durchgeführt. Er bringt Poliere, die ihren Abschluss schon länger haben, gezielt auf den neuesten Stand, etwa bei Kommunikation, Digitalisierung und Umweltschutz. So halten auch erfahrene Berufsleute Schritt mit Veränderungen. Diese Förderung der Weiterbildung sollten wir konsequent weiterverfolgen und auch das Tessin wird dazu beitragen.»
Neu: Gruppenführer/in Hochbau / Tiefbau / Bauwerktrennen
«Neu dazu kommt das Branchenzertifikat Gruppenführer/in Hochbau / Tiefbau / Bauwerktrennen. Es richtet sich an Personen, die keine Kaderfunktion übernehmen wollen, aber kleine Gruppen führen und Stellvertretungen übernehmen möchten. Gruppenführer entlasten die Poliere und Bauvorarbeiter. Und wer noch unschlüssig ist, ob der Weg ins Baustellenkader passt, sammelt so erste Führungserfahrung. Das hilft beim Entscheid über den weiteren Berufsweg.»