Donnerstag, 09.04.2026

Stadt unter der Stadt 

Während andere Metropolen verzweifelt gegen Platzmangel und Verkehrschaos kämpfen, hat Finnlands Hauptstadt Helsinki eine radikale Lösung gefunden: Sie wächst nach unten. Eine Lösung für die Schweiz und ein neues Tätigkeitsgebiet für die hiesigen Tunnelbauer? 

Der Unmut bei Schweizer Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohnern wächst: Wer eine neue, bezahlbare Wohnung in der Stadt sucht, findet oft nur Frust. Das Thema Verdichtung ist angesichts der wachsenden Bevölkerung allgegenwärtig. Urbane Dichte muss aber nicht automatisch Stress und Enge bedeutet, wie in Finnland die Stadt Helsinki zeigt. Das Rezept: Die «schmutzige» Infrastruktur und die Freizeitanlagen wandern unter die Erde, damit oben mehr Raum bleibt für das, was eine Stadt ausmacht: Luft, Licht und Natur. 

Die Stadt unter der Stadt ist kein düsterer Irrgarten, sondern ein gelungenes Beispiel für intelligente Stadtplanung. Die Finnen hatten bereits in den 1960er-Jahren die Idee, ihre Stadtplanung nicht nur auf die Oberfläche zu beschränken, sondern begannen damals, einzelne Einrichtungen unter der Erde zu bauen. Diese Pläne eines unterirdischen Komplexes konkretisierten sich in den 1980er-Jahren. 2010 wurden die Planungen perfektioniert, seither liegt ein «Underground Master Plan» vor. In diesem ist estgelegt, wie der Untergrund genutzt werden darf und welche Flächen für zukünftige Projekte reserviert bleiben. Helsinki behandelt den Raum unter der Oberfläche also ähnlich strategisch wie Bauland an der Oberfläche. 

Schwimmbad im Untergrund 
Helsinki gehört weltweit zu den Vorreitern des urbanen Untertagebaus. Während andere Metropolen den Untergrund bloss punktuell nutzen, beispielsweise für U-Bahnen oder Tiefgaragen, hat die finnische Hauptstadt den Raum unter ihren Strassen systematisch erschlossen. So entstand über Jahrzehnte hinweg eine komplexe Infrastruktur aus unterirdischen Verkehrswegen, Versorgungsanlagen, Lagern und sogar Freizeitstätten. Neben der U-Bahn und unterirdischen Strassen findet man unter anderem ein Schwimmbad inklusive Sauna, einen Konzertsaal, Einkaufszentren, eine Kartbahn, Badmintonfelder, Skateboardhallen, einen Kinderspielplatz, die Felsenkirche Temppeliaukio sowie das Kunstmuseum Amos Rex.  

Unterirdische Einkaufszentren verbinden wichtige Verkehrsknotenpunkte, Fussgängertunnel erleichtern im Winter die Wege durch die Innenstadt. Viele der unterirdischen Hallen und Anlagen besitzen zudem eine Doppelfunktion: Sie sind so konstruiert, dass sie im Ernstfall als Schutzräume dienen. Was im Alltag als Parkhaus, Lagerfläche oder Sporthalle genutzt wird, lässt sich bei Bedarf innerhalb kurzer Zeit in einen Schutzraum für Tausende Menschen umwandeln. Dass Helsinki den Untergrund so intensiv nutzen kann, hat damit zu tun, dass die Stadt auf stabilem Granit liegt, der sich gut für Tunnel und Kavernen eignet. Grosse Räume können direkt in den Felsen gesprengt werden und bleiben stabil. Dadurch ist der Bau unterirdischer Infrastruktur technisch einfacher.