Sicher im Rutschhang – warum der Stabilitätsnachweis unverzichtbar ist
In Liestal bohren sich 16 Meter lange Nägel in rutschiges Gelände. Ohne Stabilitätsnachweis, Geotechnik und laufende Kontrolle wäre diese Baugrube ein unkalkulierbares Risiko.
Die Baugrube am oberen Burghaldenweg in Liestal wirkt auf den ersten Blick unscheinbar: sechs bis sieben Meter tief, eingeklemmt zwischen Parzellengrenzen und wegen der Gewichtsbeschränkung der Zufahrtsstrasse nur eingeschränkt zugänglich. Doch wer länger hinsieht, erkennt: Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Spritzbeton, armiert und 20 Zentimeter stark, bedeckt die Wände. Dahinter stecken 16 Meter lange Nägel, schräg ins Erdreich gebohrt, Reihe um Reihe.
Die Hanglage ist heikel. Schon früher kam es hier zu Rutschungen. Der Untergrund aus Hangschutt und Kalkschutt über einer schmierig-glatten Opalinustonschicht gilt als klassisches Risiko. Wasser, das bis zum Ton sickert, kann jederzeit neue Bewegungen auslösen. «Der Baugrund hier ist bekannt für Rutschungen. Entscheidend ist, die Risiken früh zu erkennen und die Sicherung laufend zu kontrollieren», sagt Geotechniker David Szczepinski, während er mit Blick auf die Messpunkte des Geometers die Situation erklärt.
Stabilitätsnachweis – Pflicht und Verantwortung
Bevor die ersten Bagger anrückten, stand die Berechnung. Der Stabilitätsnachweis klärt, ob Böschungen, Nagelwände oder Pfähle die Lasten tragen – nicht nur heute, sondern während der gesamten Bauzeit. «Für mich beginnt Sicherheit immer mit der Berechnung. Ohne rechnerischen Nachweis würde ich mich hier gar nicht hinstellen», sagt Szczepinski.
Mit «Rechnen» meint er die detaillierte Modellierung des Baugrunds: Bodenschichten, Lasten und Hangwasser werden in Software abgebildet, Varianten durchgespielt und Risiken sichtbar gemacht. Erst wenn diese Zahlen stimmen, kann die Bauleitung sicher entscheiden, ob Spritzbeton, Nägel oder Pfähle die richtige Lösung sind.
In der Schweiz ist der Stabilitätsnachweis durch die SIA-Normen vorgeschrieben. Ergänzend verlangt die Bauarbeitenverordnung (BauAV), dass Böschungsneigungen stets an die Standfestigkeit des Baugrunds angepasst werden. Treten zusätzliche Risiken auf – etwa durch starke Niederschläge, Erschütterungen, Hangwasser oder Lasten von Fahrzeugen und Maschinen – sind stabilisierende Massnahmen zwingend. Ab einer Böschungshöhe von mehr als vier Metern, bei steileren Neigungen oder bei Grundwassereinfluss muss ein Sicherheitsnachweis vorliegen.
Dafür beauftragen Bauunternehmen eine Fachperson für Geotechnik oder Ingenieurgeologie. Sie erstellt die Berechnungen, dokumentiert die Resultate und trägt die Verantwortung für die gewählten Massnahmen. Wird dieser Nachweis weggelassen oder ungenügend geführt, drohen nicht nur technische Risiken wie Setzungen oder Rutschungen, sondern auch haftungsrechtliche Konsequenzen für Planende und Ausführende.
Überwachung als zweite Säule
Rechnen allein genügt nicht. «Die Nagelwand muss sich minimal bewegen, damit sie greift – wie ein Dübel in der Wand.» Damit das kontrolliert abläuft, überwacht ein Geometer die Baugrube wöchentlich. Geodätische Messungen zeigen, ob sich die Wand verschiebt. Bei Bedarf werden die Intervalle verdichtet. Inklinometer könnten zusätzlich eingesetzt werden, um Bewegungen im Untergrund zu erfassen. Je mehr Messpunkte, desto besser die Sicherheit.
Auf der Baustelle in Liestal zeigt sich, wie eng Theorie und Praxis zusammenspielen: Der Ingenieur sitzt nicht nur am Computer, er steht regelmässig zwischen Bohrgerät und Spritzbetonwand, diskutiert mit Polier und Bauleitung. «Die grössten Fehler passieren, wenn man unter Zeitdruck arbeitet. Sicherheit braucht Geduld – und klare Absprachen.»
Lehren aus Liestal
Die Baugrube am Burghaldenweg zeigt deutlich: Jeder Baugrund hat seine Tücken. In Rutschhängen genügt keine Standardlösung, entscheidend ist die frühe Einbindung der Geotechnik. Berechnungen und Monitoring schaffen die Grundlage, doch am Ende zählen auch Erfahrung und Präsenz auf der Baustelle.
Spritzbeton, Nägel, Messpunkte – nichts davon wirkt für sich allein. Sicherheit entsteht erst, wenn alles zusammenspielt und die Beteiligten aufmerksam bleiben. Für Bauleiter, Poliere und Bauherren heisst das: den Stabilitätsnachweis nicht als Formalität abtun, sondern als Schlüssel, der Bauwerke und Menschen schützt. Denn: Wo am Bau auf Sicherheit verzichtet wird, rutscht nicht nur der Hang – sondern auch die Verantwortung ins Bodenlose.
Über den Experten
David Szczepinski ist MSc Geologie mit Vertiefung Geotechnik, Bauschadstoffdiagnostiker FACH und Radonfachperson BAG. Er arbeitet beim Geologiebüro Ryser und Partner AG und bringt seine Erfahrung aus über 15 Jahren Tätigkeit regelmässig auf Baustellen ein.
Drei Punkte für sichere Baugruben
- Stabilitätsnachweis frühzeitig führen
Berechnungen zur Baugrubensicherung gehören in jede Planungsphase. Sie zeigen Tragfähigkeit, Risiken und Varianten auf – und sind rechtlich vorgeschrieben. - Monitoring konsequent einsetzen
Geodätische Messungen, Inklinometer und Setzungspunkte machen Bewegungen sichtbar. Je dichter die Überwachung, desto sicherer die Bauausführung. - Zusammenarbeit stärken
Geotechnik, Bauleitung und Poliere müssen eng kommunizieren. Sicherheit entsteht erst, wenn Theorie und Baustellenpraxis Hand in Hand gehen.
Über den Experten
David Szczepinski ist MSc Geologie mit Vertiefung Geotechnik, Bauschadstoffdiagnostiker FACH und Radonfachperson BAG. Er arbeitet beim Geologiebüro Ryser und Partner AG und bringt seine Erfahrung aus über 15 Jahren Tätigkeit regelmässig auf Baustellen ein.