Montag, 15.06.2026

«Öffentliche Bauherren wollen fair sein»

Im Doppelinterview äussern sich Pierre Broye, Direktor BBL und Vorsitzender der KBOB, und sowie Gian-Luca Lardi, Zentralpräsident SBV, über die Rolle und die Verantwortung öffentlicher Bauherren.

Wie können Nachhaltigkeitsanforderungen in Ausschreibungen so formuliert werden, dass sie verständlich, messbar und praktikabel in Bauprojekten umgesetzt werden können – und Unternehmen sich dabei stärker über Qualitätskriterien statt nur über den Preis positionieren können?

Gian-Luca Lardi: Wenn die Nachhaltigkeit von Anfang an mitgedacht wird. Gut ist, was echten Mehrwert bringt – das müssen nicht unbedingt Zertifikate oder Labels sein. Um Vergabestellen und Ingenieursbüros zu unterstützen, haben der SBV und Infra Suisse mit Bauenschweiz die dreisprachige Toolbox Nachhaltigkeit lanciert. Sie umfasst elf Kriterien und hat sich ein Jahr nach der Einführung gut etabliert. Entscheidend ist zudem, dass die ausführenden Unternehmen frühzeitig in die Nachhaltigkeitsfragen miteinbezogen werden.

Pierre Broye: Die KBOB stellt Planenden und Beschaffenden verschiedene Instrumente zur Verfügung. Empfehlenswert ist es, ausgehend von anerkannten Standards, Normen oder Instrumenten objektspezifische Vorgaben festzulegen und so die Nachhaltigkeitsanforderungen vergleichbar und überprüfbar machen. Je komplexer ein Bauprojekt ist, desto wichtiger ist die Gewichtung der Qualitätskriterien. Zu beachten ist zudem, dass Nachhaltiges Bauen oft nicht mehr kostet – schon gar nicht, wenn man die Kosten über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes betrachtet.

Besteht die Gefahr, dass Beschaffungsverfahren der öffentlichen Hand so kompliziert werden, dass sie nicht mehr KMU-tauglich sind?
Broye: Diese Gefahr besteht, aber sie ist erkannt. Das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) ist im Rahmen der Beschaffungskonferenz des Bundes (BKB) und der Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren (KBOB) daran, Gegensteuer zu geben. Dabei setzt es die Beschaffungsstrategie des Bundesrates um, insbesondere das Ziel «Anbieterfreundliche Beschaffungen». Gemäss diesem Ziel sollen die Beschaffungsbehörden die Beschaffungsverfahren in der Regel so gestalten, dass auch KMU die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen. Weiter soll der administrative Aufwand geringgehalten werden.

Lardi: Die Ausschreibungen sollten klar verständlich, messbar und praktikabel formuliert sein. In vielen Bereichen hat unser Verband viel geleistet, zum Beispiel bei der Sicherstellung der Arbeits- und Lohnbedingungen. Hier genügt es, bei den Ausschreibungen die GAV-Bescheinigung von ISAB und die Verwendung des ISAB-Baustellenbadges zu verlangen. Ansonsten plädiere ich dafür, der bewährten Norm SIA 118 treu zu bleiben und sie nicht einseitig abzuändern. Sie legt den Rahmen für Bauverträge fest und definiert Rechte und Pflichten, Haftung und Fristen.

Bei konventionellen Vergaben stösst der Bauunternehmer relativ spät zum Projekt und kann daher wenige eigenen Ideen einbringen. Ist das ein Nachteil und wenn ja, wie kann dem entgegengewirkt werden?

Lardi: Mit einem System der integrierten Projektabwicklung lassen sich Optimierungen deutlich effizienter realisieren. Der SBV war an der mehrjährigen Entstehung des Modells Projektallianzen beteiligt und setzt sich auch unermüdlich für die Markteinführung dieser neuen Zusammenarbeitsform ein. Erfahrungen aus dem In- und Ausland zeigen, dass sich komplexe Bauvorhaben auf diese Weise erfolgreicher und mit weniger Konflikten realisieren lassen. Das bedeutet nicht, dass auch bei einfacheren Projekten das ausführende Bauunternehmen erst bei Planungsschlussspät einbezogen wird. Man kann sich auch hier früh im Projekt zusammen an einen Tisch setzen und gemeinsam optimierte Lösungen erarbeiten.

Broye Die öffentlichen Bauherren bewegen sich bei ihren Vergaben in einem politisch und rechtlich vorgegebenen Rahmen. Aber dabei gibt es Möglichkeiten und Freiräume, damit Bauunternehmer eigene Ideen einbringen können: die Unternehmervarianten. Das Fachwissen der Bauunternehmer ist sehr wertvoll! Es hilft den öffentlichen Bauherren, das vorteilhafteste Angebot zu ermitteln oder Projektoptimierungen zu erzielen. Daher empfiehlt die KBOB ihren Mitgliedern, Unternehmervarianten zuzulassen.

Wie können Zusammenarbeitsformen im Bauwesen so gestaltet werden, dass Risiken fair zwischen Bauherrschaft und Bauunternehmen verteilt werden und ein partnerschaftlicher Umgang unter allen Projektbeteiligten entsteht?

Lardi: Die Projektallianzen sind eine gute Möglichkeit. Der Bauherr muss sich zudem seiner Verantwortung bewusstwerden, zum Beispiel, was die Arbeitssicherheit betrifft. Er soll Anlagen zur Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz koordiniert ausschreiben und finanzieren. Die SUVA hat zahlreiche Best-Practice-Beispiele dafür ausgearbeitet.

Broye: Öffentliche Bauherren setzen sich dafür ein, Risiken partnerschaftlich und fair zwischen Bauherrschaft und Bauunternehmen zu verteilen. Unterstützt wird dies durch die neue Vergabekultur, transparente Verträge und ein professionelles Risikomanagement. Ziel ist es, Risiken jeweils dort zu tragen, wo sie am besten beeinflusst und gesteuert werden können.

Auf dem Bau grassiert der der Nullrisiko-Teufel. Wie kommt die Baubranche wieder zu einer offenen Fehlerkultur und zurück zu den Grundwerten wie Qualität?

Lardi: Die von der Politik vorgegebene Nullfehler-Toleranz blockiert Innovation, erhöht die Kosten und verzögert Projekte. Nur wer nichts tut, macht keine Fehler. Wir müssen wieder lernen, Fehler zuzulassen, auch bei den öffentlichen Bauherren. Die Politik muss Verantwortung zu übernehmen und den Chefbeamten Rückendeckung zu geben. Immer neue Vorschriften sind kontraproduktiv.

Broye: Wo gearbeitet wird, gibt es Fehler. Arbeiten auf dem Bau bergen meist Risiken – dessen sind sich alle Beteiligten bewusst. Durch klare Abmachungen und das strikte Einhalten der Vorgaben können die Risiken jedoch auf einem niedrigen Niveau gehalten werden. Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Parteien hilft zudem, das Vertrauen zu stärken.
Was müssen alle Akteure tun, um reibungslos zusammenzuarbeiten und Projekte erfolgreich umzusetzen?

Was müssen alle Akteure tun, um reibungslos zusammenzuarbeiten und Projekte erfolgreich umzusetzen?

Broye: Die KBOB ist überzeugt, dass dafür eine strukturierte, partnerschaftliche und transparente Projektabwicklung, die auf standardisierten Prozessen sowie klar definierten Rechten und Pflichten basiert, erforderlich ist. Durch einen engen Austausch Mit den Branchenverbänden unterstützt die KBOB ihre Mitglieder und die Bauwirtschaft dabei, eine reibungslose Zusammenarbeit und eine erfolgreiche Projektabwicklung sicherzustellen. Musterverträge und weitere Instrumente helfen bei der konkreten Umsetzung der Massnahmen.

Lardi: Bei der traditionellen Zusammenarbeitsform treten Interessenskonflikte unter den Projektbeteiligten auf, die für den Projekterfolg nachteilig sind. Unsere Antwort darauf ist das Modell der Projektallianz gemäss SIA-Merkblatt 2065.  

Warum braucht es ein Schweizer Modell der Projektallianz?

Lardi: Damit eine Zusammenarbeitsform kompatibel ist mit unserer Gesetzgebung und unserem Normenwerk, müssen die aus dem Ausland bekannten IPD-Modelle angepasst werden. Das haben wir mit dem Merkblatt 2065 getan. 

Broye: Die Projektallianz ist ein Modell der Zusammenarbeit, das über die Grenzen der klassischen Kooperation hinausgeht. Da wir in der Schweiz besondere rechtliche Rahmenbedingungen und eine spezifische Zusammenarbeitskultur pflegen, braucht es eine schweizerische Ausprägung des Zusammenarbeitsmodells Projektallianz. Dieses muss im Hoch- und Tiefbau anwendbar sein, auf den gleichen Regeln aufbauen und den gemeinsamen Interessen der Bauherrschaft und der Bauunternehmung dienen.

Wie können Innovationen im Bau vorangetrieben werden? 

Broye: Das revidierte Beschaffungsrecht (BöB/IVöB) sieht vor, dass das vorteilhafteste (und nicht das günstigste) Angebot den Zuschlag erhält. Indem Qualität und Nachhaltigkeit als Zuschlagskriterien entsprechend stark gewichtet werden, können innovative Lösungen belohnt werden. Eine hervorragende Möglichkeit, um Innovationen im Baubereich voranzutreiben, bieten die Unternehmervarianten. Innovationen basieren auf einem konstruktiven Dialog zwischen allen Beteiligten und auf neuen Ideen. Gemeinsam ist vieles möglich.

Lardi: Mit mehr Mut – zum Beispiel Mut, technische Normen auch einmal zu ignorieren, sie haben ja keinen gesetzlichen Charakter. Man muss aber wissen, was man tut! Technische Normen sind für den Durchschnitt gemacht, besondere Projekte erfordern hingegen besonderes Können. 

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