«Der urbane Tunnelbau wird wichtiger werden»
Im Interview äussert sich Philipp Häfliger, Professor of Practise am Departement Bau, Umwelt und Geomatik der ETH Zürich und stellvertretender Abteilungsleiter Untertagsbau der Frutiger AG, zum Tunnelbau.
Was hat Sie persönlich zum Tunnelbau gebracht – und was fasziniert Sie bis heute daran?
Meine Faszination für den Tunnelbau wurde bereits während meines Studiums geweckt, insbesondere durch Baustellenbesuche und Vorlesungen, die mir einen direkten Einblick in die praktische Umsetzung komplexer Infrastrukturprojekte ermöglichten. Besonders beeindruckt hat mich von Anfang an das Zusammenspiel unterschiedlichster Fachdisziplinen – von Geologie und Maschinentechnik über Mitarbeiterführung bis hin zur wirtschaftlichen Lösungsfindungen in der Ausführung. Bis heute fasziniert mich am Tunnelbau vor allem, dass Projekte nur im Team erfolgreich realisiert werden können und man gemeinsam anspruchsvolle technische Lösungen unter oft schwierigen Randbedingungen entwickelt und umsetzt.
Wie hat sich der Tunnelbau in den letzten 20 Jahren technologisch verändert?
In den letzten Jahrzehnten hat sich der Tunnelbau in vielerlei Hinsicht stark weiterentwickelt. Besonders prägend waren die Fortschritte in der Maschinen- und Vortriebstechnik, die zunehmende Digitalisierung sowie deutlich gestiegene Anforderungen an Sicherheit, Risikomanagement und Nachhaltigkeit. Durch den zunehmenden Einsatz von BIM, 3D-Modellen sowie automatisiertem Monitoring sind Planung und Ausführung heute wesentlich datengetriebener als früher. Insgesamt ist der Tunnelbau interdisziplinärer, technologisch anspruchsvoller und auch nachhaltiger geworden. Gleichzeitig steigt die Komplexität der Projekte, da Tunnelbauwerke heute häufig in unmittelbarer Nähe zu bestehender Infrastruktur unter laufendem Betrieb geplant und ausgeführt werden müssen.
Wo sehen Sie weitere technologische Innovationen?
Die technologischen Innovationen werden sich in den kommenden Jahren in allen Fachbereichen weiterentwickeln. Insbesondere die Automatisierung sowie der Einsatz von Assistenzsystemen in der Maschinentechnik schreiten rasch voran. Gleichzeitig werden vermehrt umweltverträglichere Produkte und Verfahren entwickelt und eingesetzt, wie beispielsweise aktuell der Einsatz vom emissionsarmen Sprengstoff Hypex Bio.
Ein wichtiger Aspekt wird zudem sein, Fach- und Führungskräfte zunehmend von administrativen und repetitiven Aufgaben zu entlasten, damit sie sich wieder stärker auf ihre Kernaufgaben in der technischen Planung, der Baustellenführung und der Projektabwicklung konzentrieren können.
Bei aller technologischen Entwicklung darf jedoch nicht vergessen werden: Tunnelbau bleibt Teamarbeit und wird letztlich auf der Baustelle von Menschen umgesetzt. Der Erfolg eines Projekts hängt deshalb nach wie vor entscheidend von der Erfahrung, der Zusammenarbeit und dem Engagement der beteiligten Personen ab.
Die tatsächlichen geologischen Verhältnisse stehen häufig tatsächlich erst fest, wenn die Vortriebe bereits am Laufen sind. Sind in den Verträgen solche Risiken fair geregelt?
Die geologischen Verhältnisse stellen im Tunnelbau nach wie vor eines der grössten Projektrisiken dar, da trotz umfangreicher Baugrunderkundungen stets eine gewisse Unsicherheit bestehen bleibt, bis der Vortrieb tatsächlich erfolgt.
In der Schweiz verfügen wir grundsätzlich über ein ausgereiftes und bewährtes Normen- und Vertragswesen, das eine faire Risikoverteilung vorsieht. Dabei gilt der Grundsatz, dass Risiken von den denjenigen Parteien getragen werden sollten, die sie auch beeinflussen können. Ziel sollte daher stets eine faire und partnerschaftliche Risikoverteilung zwischen Bauherrschaft, Planer und Unternehmer sein. Vor diesem Hintergrund sind die für Ausschreibungen zuständigen Stellen angehalten, diese Grundsätze entsprechend zu berücksichtigen und umzusetzen.
Werden in Ausschreibungen jedoch deutlich unausgewogene oder einseitige Risikoverteilungen vorgesehen, ist es aus meiner Sicht auch Aufgabe der Fachverbände, darauf hinzuweisen und entsprechend zu reagieren, um langfristig ausgewogene und wirtschaftlich tragfähige Vertragsmodelle im Tunnelbau zu gewährleisten.
Was sind neben den geologischen Unwägbarkeiten die grössten Risiken im Tunnelbau?
Neben den geologischen Unwägbarkeiten ist die Sicherheit im Tunnelbau eines der zentralen Themen. An erster Stelle stehen dabei der Schutz der Mitarbeitenden auf der Baustelle sowie der Schutz bestehender Bauwerke und Infrastrukturen – sowohl an der Oberfläche als auch im Untergrund. Ereignisse im Tunnelbau können sehr schnell grosse Auswirkungen haben und lassen sich nur durch sorgfältige Planung, geeignete Bauverfahren, ein funktionierendes Risikomanagement sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Bauherrn, Planer und Unternehmer beherrschen.
Sicherheit ist im Tunnelbau daher nicht nur ein technisches Thema, sondern vor allem auch eine Frage der Organisation, der Prozesse und der gelebten Sicherheitskultur auf der Baustelle.
Wie kann die Sicherheit verbessert werden?
Ich möchte mich in diesem Zusammenhang insbesondere auf das Thema Sicherheit fokussieren. Im Tunnelbau kommen häufig grosse Maschinen zum Einsatz, wodurch einerseits eine erhöhte Unfallgefahr besteht und andererseits die möglichen Folgen von Unfällen oft schwerwiegend sind. Es ist mir daher ein persönliches Anliegen, dass die Unfallzahlen weiter reduziert werden, denn jeder Unfall bedeutet grosses Leid für die Betroffenen und deren Angehörige.
Für die Sicherheit auf Baustellen sind letztlich alle Projektbeteiligten verantwortlich – Bauherrschaft, Planer und Unternehmer gleichermassen. In der Schweiz wird das Thema Sicherheit jedoch teilweise stark über den Preiswettbewerb gesteuert, was dazu führen kann, dass Unternehmen mit einem hohen Sicherheitsstandard im Wettbewerb benachteiligt sind.
In anderen Ländern, beispielsweise in England, ist es teilweise üblich, dass die Bauherrschaft ein eigenes Budget für Sicherheitsmassnahmen festlegt und die entsprechenden Massnahmen gemeinsam mit den Projektbeteiligten definiert und umsetzt. Ein solcher Ansatz könnte aus meiner Sicht auch in der Schweiz dazu beitragen, das Sicherheitsniveau insgesamt weiter zu erhöhen und gleichzeitig fairere Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.
Aktuell werden in der Schweiz hauptsächlich Tunnels durch Berge gebaut. Wie schätzen Sie das Potential des urbanen Tunnelbaus ein?
Der urbane Tunnelbau wird in der Schweiz aus meiner Sicht in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Während in der Vergangenheit viele grosse Tunnelprojekte im alpinen Raum realisiert wurden, liegen die heutigen und zukünftigen Herausforderungen zunehmend in den urbanen Räumen. Bevölkerungswachstum, steigende Mobilitätsbedürfnisse, der Ausbau des öffentlichen Verkehrs sowie der Bedarf an unterirdischer Infrastruktur führen dazu, dass der Untergrund in Städten immer intensiver genutzt wird.
Der urbane Tunnelbau ist jedoch häufig technisch und organisatorisch deutlich anspruchsvoller als der Tunnelbau in den Bergen. Zunehmend werden Projekte in geologisch anspruchsvollen Verhältnissen realisiert, die von früheren Generationen nach Möglichkeit gemieden wurden. Die Projekte finden in dicht bebauten Gebieten statt, häufig in unmittelbarer Nähe zu bestehenden Gebäuden, Verkehrswegen und Werkleitungen sowie unter laufendem Betrieb. Entsprechend sind die Anforderungen an Bauverfahren, Überwachung, Logistik, Kommunikation und Risikomanagement sehr hoch.
Wo sehen Sie die Herausforderungen?
Die grössten Herausforderungen im urbanen Infrastrukturbau liegen im Bauen im Bestand und unter Betrieb, in den sehr engen Platzverhältnissen und der komplexen Baustellenlogistik sowie in der Vielzahl von Anspruchsgruppen. Projekte im urbanen Raum werden daher häufig weniger durch die eigentliche Bauaufgabe begrenzt als vielmehr durch die Randbedingungen, die Koordination und die zahlreichen Schnittstellen.
Dies erfordert eine noch engere Zusammenarbeit aller Beteiligten sowie eine besonders sorgfältige Planung und Bauausführung. Gleichzeitig werden zunehmend zusätzliche Kompetenzen von den Führungskräften verlangt. Neben dem technischen Fachwissen rücken insbesondere eine kooperative, lösungsorientierte Projektkultur sowie ein breites Generalistenwissen in der Projektabwicklung in den Vordergrund – unter gezieltem Beizug von Spezialisten in den jeweiligen Fachbereichen.
Sie leiten seit 2025 als «Professor of Practice» das neue CAS Infrastrukturbau-Management an der ETH Zürich und sind als Projektleiter bei Frutiger in Grossprojekten tätig. Ihre Funktion ist es, eine Brücke zwischen der akademischen Forschung und der Bauindustrie zu schlagen. Wie beurteilen Sie das Verhältnis der Forschung zur Praxis auf der Baustelle?
Die akademische Forschung liefert heute viele wertvolle Ansätze. Die Herausforderung besteht häufig darin, diese Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie auf Projekten und Baustellen konkret angewendet werden können.
In der Praxis stehen Termine, Kosten, Risiken und die konkrete Umsetzbarkeit im Vordergrund, während die Forschung naturgemäss stärker auf methodische Entwicklungen und Optimierungen fokussiert. Entscheidend ist daher, dass ein echter Austausch in beide Richtungen stattfindet: Die Praxis kann der Forschung aufzeigen, wo die realen Probleme und Bedürfnisse liegen, und die Forschung kann neue Methoden, Werkzeuge und Denkansätze liefern, um Projekte künftig besser abzuwickeln.
Wie können Sie konkret Einfluss nehmen in der Verbindung zwischen Hochschule und der Praxis?
Ich sehe meine Rolle hier primär im praxisnahen Wissensaustausch in der Lehre. Das erstmals durchgeführte CAS mit Teilnehmenden aus Bauherrenorganisationen, Bauunternehmungen und Planungsbüros war ein Erfolg, und aktuell läuft die Anmeldefrist für den nächsten Weiterbildungskurs im Herbst. Parallel dazu arbeiten wir an der Konzeption und Ausarbeitung weiterer praxisorientierter Vorlesungsmodule im Grundstudium des Bauingenieurwesens.
Uns ist es ein wichtiges Anliegen, dass angehende Ingenieurinnen und Ingenieure bereits im Studium wieder vermehrt mit praxisnahen Fragestellungen und realen Projektabläufen in Kontakt kommen. Davon profitiert letztlich die gesamte Bauindustrie: Das Systemverständnis aller Projektbeteiligten wird geschärft und realistischer geprägt, was wiederum eine kooperative und lösungsorientierte Projektkultur fördert – insbesondere auch im Hinblick auf die zunehmend erwarteten Projektallianzen.
Die erfolgreiche gemeinsame Realisierung eines Projekts soll wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Das Handeln der Projektbeteiligten hat sich dabei in erster Linie am Gesamtprojekterfolg zu orientieren und nicht an den einzelnen Partikularinteressen.
Welche Botschaft möchten Sie der jüngeren Generation von Bauingenieurinnen und Bauingenieuren mit auf den Weg geben?
Mein Rat an junge Ingenieurinnen und Ingenieure ist, sich ein solides Grundlagenwissen anzueignen und gleichzeitig möglichst früh praktische Erfahrungen auf Baustellen zu sammeln. Gerade im Untertagbau lassen sich viele Zusammenhänge erst wirklich verstehen, wenn man die Verhältnisse vor Ort selbst erlebt hat.
Man muss sich zudem bewusst sein, dass wir im Tunnelbau in der Regel Einzelbauwerke unter sehr spezifischen geologischen und baulichen Randbedingungen realisieren. Auch mit grossem Aufwand in der Planung lassen sich die tatsächlichen Verhältnisse im Untergrund nie vollständig erkunden. Deshalb sind aus meiner Sicht nicht nur die technische Planung und die Ausführung entscheidend, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. Wenn es gelingt, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen die Beteiligten motiviert zusammenarbeiten, entsteht am Ende nicht nur ein technisch gelungenes Bauwerk, sondern auch ein Projekt, auf das alle gemeinsam stolz sein können.
Zur Person
Philipp Häfliger ist Professor of Practise am Departement Bau, Umwelt und Geomatik der ETH Zürich und stellvertretender Abteilungsleiter Untertagsbau der Frutiger AG. Er r verfügt über 30 Jahre Führungserfahrung in grossen nationalen und internationalen Infrastrukturbauprojekten, zudem war er mehrere Jahre Geschäftsleitungsmitglied einer auf Baustellenlogistik spezialisierten Maschinenbaufirma. Als Professor of Practice übernahm Häfliger eine leitende und didaktische Funktion am neu etablierten CAS ETH Infrastrukturbau-Management. Er schlägt eine wichtige Brücke zwischen der akademischen Forschung und der Bauindustrie.