Biobitumen: Wenn Asphalt CO₂ speichert
Wie die Berner Firma Weibel und das deutsche Greentech-Startup B2SQUARE den Strassenbau neu denken – und warum das Bitumen von morgen ganz ohne Erdöl auskommt.
Bitumen. Zäh, schwarz, unersetzlich. Seit Jahrzehnten stammt der Baustoff aus der Erdölverarbeitung. Doch das könnte sich ändern. Was, wenn Bitumen künftig aus pflanzlichen Reststoffen entsteht und dabei sogar CO₂ aus der Atmosphäre bindet? Genau das will die Firma Weibel AG gemeinsam mit dem deutschen Start-up B2SQUARE zeigen. Das Produkt der Stunde heisst B2Pure® Instant Bitumen. Und es hat das Potenzial, den Strassenbau grundlegend zu verändern.
«Im Grunde ist es das Gleiche», sagt Tobias Balmer, Leiter Forschung und Entwicklung bei Weibel. «Das Biobitumen basiert auf den gleichen Hauptkomponenten wie herkömmliches Bitumen, nämlich Maltene und Asphaltene. Nur stammen die Maltene aus biogener Quelle. Und beide Komponenten sind unabhängig vom Erdöl.» Chemisch gleich, ökologisch überlegen. Das ist die Idee.
Biogene Rohstoffe, neue Perspektiven
Was wie ein technisches Detail klingt, hat weitreichende Folgen. Das Bindemittel basiert auf einem Extrakt aus Cashew-Nussschalen. Weitere pflanzliche Abfälle sind als Rohstoffquelle in Aussicht. Die Lieferkette ist somit unabhängig vom Erdöl und gleichzeitig klimafreundlicher.
Eine aktuelle cradle-to-gate-Analyse zeigt: Die CO₂-Emissionen sinken potentiell um mehr als die Hälfte im Vergleich zu herkömmlichem Bitumen. Und mehr noch. Der biogene Kohlenstoff wird dauerhaft im Asphalt gespeichert. «Man lagert pflanzlich gebundenes CO₂ direkt im Strassenbelag ein», erklärt Balmer. «Solange der Asphalt nicht verbrannt wird, bleibt das CO₂ gebunden.» Damit wird aus einem Emittenten ein dauerhafter Speicher.
Bewährte Technik mit besseren Eigenschaften
Trotz des neuen Ansatzes braucht es keine Umstellung in der Verarbeitung. Das Biobitumen lässt sich wie gewohnt mischen, transportieren und einbauen. Im Gegenteil, der Einbau gelingt oft sogar leichter. «Wir produzieren bei etwas tieferer Temperatur», sagt Balmer. «Das spart Energie, zusätzlich zur kalten Lieferkette der beiden Komponenten.“ Die Verdichtung funktioniert problemlos. Das Bindemittel ist vollständig mit Recyclingmaterial kompatibel.
Auch im Labor überzeugt das neue Produkt. Es zeigt bessere Werte beim Erweichungspunkt, tiefere Brechtemperaturen und Hinweise auf eine deutlich längere Lebensdauer. «Wir sprechen von eineinhalb- bis zweimal so lange wie bei konventionellem Asphalt», so Balmer.
Und auf der Baustelle? Der Geruch ist neu. Leicht süsslich, manche nennen es Rauchwurst. Für Balmer ist das ein kleiner, aber nicht unwichtiger Nebeneffekt. «Jeder erkennt das Material sofort.»
Wirtschaftlichkeit und erste Baustellen
Noch ist das neue Bitumen ein Nischenprodukt. «In der Pilotphase liegen die Kosten pro Tonne Mischgut ab Werk etwa doppelt so hoch», erklärt Balmer. «Aber das hängt stark von der Rezeptur und der Projektgrösse ab. Mit wachsender Nachfrage und grösserer Produktion sinken die Preise.»
Derzeit testet Weibel das Produkt auf mehreren Baustellen, unter anderem in der Bottigenstrasse am Stadtrand von Bern. Weitere Projekte sind geplant, etwa für neue Bushaltestellen der Stadt Bern. Die Rückmeldungen sind durchwegs positiv. «Die Bauherren sind interessiert», sagt Balmer. «Die Klimaziele setzen uns unter Druck. Wir liefern eine Lösung, die funktioniert.»
Eine Transformation mit grosser Zukunft
Hinter B2Pure steckt mehr als ein neuer Baustoff. Es ist ein Symbol für den Wandel: von fossiler zu biogener Chemie, von Emission zu Speicherung. Das Zwei-Komponenten-System erlaubt eine präzise Steuerung der Eigenschaften. Fast wie bei einer Software lassen sich die Rezepturen just in time anpassen, direkt im Werk. «Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten in der Produktion», sagt Balmer. «Und die bisherigen Resultate aus Praxis und Labor sind sehr vielversprechend.»
Strassenbau neu erzählt
Biobitumen ist mehr als ein neues Bindemittel. Es steht für einen Paradigmenwechsel im Strassenbau. «Für Leistungsfähigkeit ohne Erdöl. Für Nachhaltigkeit, die nicht Verzicht bedeutet, sondern Fortschritt. Erdölbitumen wird irgendwann verschwinden», sagt Balmer. «Wir brauchen Alternativen. B2Pure zeigt, was heute schon möglich ist. Und dient uns als Massstab.» Die Strasse der Zukunft ist langlebiger, klimaneutral und beginnt ganz unspektakulär auf einer kleinen Baustelle am Rand von Bern.
CO₂-Bilanz vom der Wiege bis zum Werkstor
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:
- Konventionelles Bitumen: ca. +750 kg CO₂e pro Tonne
- Biobasiertes B2Pure: ca. –1’200 kg CO₂e pro Tonne (netto)
Die Produktion verursacht also nicht nur weniger Emissionen. Sie bindet sogar mehr CO₂, als sie freisetzt. Grundlage dafür ist der biogene Kohlenstoffkreislauf. Pflanzen entziehen der Luft CO₂, das in ihrer Biomasse gespeichert wird. Daraus entsteht Biobitumen. Ein Baustoff mit negativer Klimabilanz.